Montag, 26. November 2012

Blickrichtung Meer


Ich blicke auf meine Hände
und denke mich ans Meer
lasse salzige Perlen
auf kleinen
Kräuselwellen
dem Strand
zurollen
flüstere Geheimes
in leere Schneckenhäuser
grabe meine Hände
die sich noch immer
danach sehnen dich erneut zu berühren
in den atmenden Sand
und täusche mich so über die Realität hinweg.

NHF - 2012

Sonntag, 4. November 2012

Fragen über Fragen hin zu Proust

Ich weiß leider nicht, ob es tatsächlich die Original-Fragen von Proust sind (für Tipps bin ich sehr dankbar), aber mir macht es dennoch Spaß sie hier zu posten und mich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern.
Derweil lese ich - noch immer (nicht weil ich es so langwierig finde, wie oft beschrieben, sondern weil ich stets mehrere Bücher gleichzeitig lese und es daher langsam vorangeht) - den ersten Teil (Combray) von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Wie lange mag es wohl dauern alle Bände zu lesen? Es steht auf meiner Liste der Dinge, die ich im Leben machen möchte ... also weiter ... und zwischendurch immer mal wieder das Fragen stellen und wundern nicht vergessen...


Proust Fragebogen

Wo möchten Sie leben?
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Was ist für Sie das größte Unglück?
Ihre liebsten Romanhelden?
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
Ihr Lieblingsmaler?
Ihr Lieblingsautor?
Ihr Lieblingskomponist?
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Ihre Lieblingstugend?
Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Ihr Hauptcharakterzug?
Was schätzen bei Ihren Freunden am meisten?
Ihr größter Fehler?
Ihr Traum vom Glück?
Was wäre für Sie das größte Unglück?
Was möchten Sie sein?
Ihre Lieblingsfarbe?
Ihre Lieblingsblume?
Ihr Lieblingsvogel?
Ihr Lieblingsschriftsteller?
Ihr Lieblingslyriker?
Ihre Helden der Wirklichkeit?
Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Ihre Lieblingsnamen?
Was verabscheuen sie am meisten?
Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Wie möchten Sie gern sterben?
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Ihr Motto?

Freitag, 24. August 2012

Rainer Maria Rilke - Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

(1906)

Samstag, 21. Juli 2012

quickrig

Ich werfe meinen Blick weit
über das grüne Meer

ich hülle es ein
kann seine kleinen
weichen Wellen
unter mir spüren

sehe bis auf den sandigen Grund
zähle Muscheln und Steine
tauche ein in quickrige Fischschwärme

und hoffe dass mir Schwimmhäute wachsen ...

NHF - 2012

Montag, 18. Juni 2012

Fernando Pessoa

"Seit langem schon - ich weiß nicht, ob seit Tagen, ob seit Monaten - zeichne ich keinen Eindruck mehr auf; ich denke nicht, also existiere ich nicht. Ich habe vergessen, wer ich bin; ich vermag nicht zu schreiben, weil ich nicht zu sein vermag. Infolge einer sonderbaren Betäubung bin ich ein anderer gewesen. Zu wissen, daß ich mich nicht erinnere, heißt erwachen.
   Ich habe ein Stück meines Lebens in Ohnmacht verbracht. Ich kehre zu mir zurück ohne einer Erinnerung an das, was ich gewesen bin, und die Erinnerung and das, was ich war, leidet darunter, daß sie unterbrochen worden ist. In mir spüre ich die verworrene Empfindung eines unbekannten Zwischenraums, die nutzlose Anstrengung eines Teils meines Gedächtnisses, den anderen Teil wiederzufinden. Ich bin außerstande, wieder an mich anzuknüpfen. Falls ich gelebt haben sollte, habe ich vergessen, davon zu wissen."

aus: Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe, S. 164, (28.9.1932) 

Donnerstag, 31. Mai 2012

Buchvorstellung 13 - Gerard Donovan - Winter in Maine


Kurz gesagt: Julius Winsome lebt allein im Wald. Eines Tages wird sein Hund Hobbes erschossen. Allem Anschein nach mit Absicht. Winsome macht sich, zusammen mit seiner Enfield, auf den Weg eine Antwort zu suchen ...
Winsomes Vater und Großvater, der Krieg, Blumen, die Stille, eine Frau und Shakespeare, sowie 3282 Bücher spielen (n.w.) ebenfalls eine Rolle und machen dieses Buch lesenswert.
Es ist nun schon einige Wochen her, seit ich das Buch beendet habe und es bewegt mich noch immer. Besonders als ich vor kurzem in einem ausgedehnten Wald spazieren war und dachte "Hier müsste man 'Winter in Maine' (erneut) lesen"; denn geblieben ist, trotz allem (selbst zu lesen!) letztlich eine sanfte Stimmung ...
"Die Leute besiegen den Winter, indem sie nächtelang lesen und die Seiten hundertmal schneller umblättern, als ein Tag vergeht, kleine Zahnräder, die während all dieser Monate ein größeres in Bewegung halten. Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille wie ein aufgespießtes Insekt. Sätze verwandeln sich in einzelne Worte, und um zwölf Uhr verschmelzen die beiden Zeiger zu einem. Jeder Blick endet im Schnee. Jeder Schritt versinkt im Norden. So ist die Zeit in Maine, das Weiß der Zeit." (S.77) ...

Montag, 30. April 2012

Meer und Kiesel

Gestern noch
war ich selbst mir das Meer
tosend, tief und weit.

Heute schon
finde ich mich wieder
in einem glatten Kiesel am Strand.

NHF - 2012

Samstag, 31. März 2012

Sternenprobe

Einander in die Augen sehn
für eine Nacht und einen Morgen
Auf einmal fließt ein Stern
nicht größer als ein Bienenkopf
an einem Faden Licht
behutsam wie man die Hände
sinken läßt und
die Tischkante nicht berührt
Wenn das geschieht ist es für lange

Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Sonntag, 19. Februar 2012

an einem Montag

V. schrieb - an einem Montag prallte der kleine Vogel gegen die Scheibe seines Arbeitszimmers - V. erinnerte sich - seines Selbst

NHF - 2012

Dienstag, 7. Februar 2012

Rainer Maria Rilke - Narziss

I

Dies also, dies geht von mir aus und löst
sich in der Luft und im Gefühl der Haine,
entweicht mir leicht und wird nicht mehr das Meine
und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.

Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,
ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;
doch alle meine Grenzen haben Eile,
stürzen hinaus und sind schon dort.

Und selbst im Schlaf. Nichts bindet uns genug.
Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche,
der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug
von allen Stellen meiner Oberfläche.

Was sich dort bildet und mir sicher gleicht
und aufwärts zittert in verweinten Zeichen,
das mochte so in einer Frau vielleicht
innen entstehn; es war nicht zu erreichen,

wie ich danach auch drängend in sie rang.
Jetzt liegt es offen in dem teilnahmslosen
zerstreuten Wasser, und ich darf es lang
anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.

Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin
ist nichts, als Gleichmut überstürzter Steine,
und ich kann sehen, wie ich traurig bin.
War dies mein Bild in ihrem Augenscheine?

Hob es sich so in ihrem Traum herbei
zu süßer Furcht? Fast fühl ich schon die ihre.
Denn, wie ich mich in meinem Blick verliere:
ich könnte denken, daß ich tödlich sei.

II

Narziss verging. Von seiner Schönheit hob
sich unaufhörlich seines Wesens Nähe,
verdichtet wie der Duft vom Heliotrop.
Ihm aber war gesetzt, daß er sich sähe.

Er liebte, was ihm ausging, wieder ein
und war nicht mehr im offnen Wind enthalten
und schloß entzückt den Umkreis der Gestalten
und hob sich auf und konnte nicht mehr sein.


Ist es nicht wunderschön? Und was mich in diesem Zusammenhang vor kurzem ebenfalls in den Bann zog, ist ein Text von Lou Andreas-Salomé "Narzißmus als Doppelrichtung". Ich musste mich erst etwas einlesen und an den Stil gewöhnen, fand viele Aspekte, gerade auch in Bezug auf die Entwicklung meiner Tochter, haha und rückblickend natürlich auch auf meine eigene, sehr interessant. Der Text kann beim Gutenberg-Projekt kostenlos als html oder auch für E-Books heruntergeladen werden. 

Ja, und wer von Euch, wie ich, Rilke liebt, und den Blog von George noch nicht kennt, der "sollte" schnell mal auf den folgenden Link klicken: http://mitrilkedurchdasjahr.blogspot.com/

Donnerstag, 26. Januar 2012

Frühling

langsam
begannen die eiswiesen in ihr
zu schmelzen

NHF - 2012

Sonntag, 18. Dezember 2011

Sylvia Plath - Quetschung (Contusion)

Farbe flutet dorthin, ein mattes Purpur.
Der übrige Körper ist ganz verwaschen,
Die Farbe von Perlen.

In einem Felsloch
Saugt das Meer besessen:
Eine Höhlung die Angel des ganzen Meeres.

Fliegengroß
kriecht das Todeszeichen
die Wand hinunter.

Das Herz fällt zu,
Das Meer gleitet zurück,
Die Spiegel sind verhangen.


Und zum Vergleich hier noch die  englische Original-Version:

Colour floods to the spot, dull purple.
The rest of the body is all washed out,
the colour of pearl.

In a pit of rock
The sea sucks obsessively,
One hollow the whole sea's pivot.

The size of a fly,
The doom mark
Crawls down the wall.

The heart shuts,
The sea slides back,
The mirrors are sheeted.


aus: Sylvia Plath, Ariel

Mittwoch, 30. November 2011

Buchvorstellung 12 - Marcel Proust / Eugene Atget - Ein Bild von Paris


Ein schönes, kleines Büchlein, das ich immer mal wieder zur Hand nehme. Die Texte sind aus Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und zeigen seine detaillierte Sicht auf Paris. Die Textauszüge von Proust und die Fotos von Atget beziehen sich dabei nicht direkt aufeinander, sondern zeigen, jeweils auf ihre Weise Stimmungen zu Stadt und Menschen in Paris und ergänzen sich so jeweils. Zuerst fand ich dies schade aber wenn man Bilder und Texte etwas in sich wirken lässt ist es doch eine Bereicherung, denn nicht nur das Gemeinsame der Sichtweisen, auch die Unterschiede sowohl in der Art der Betrachtung als auch in der daraus folgenden künstlerischen Umsetzung treten so klarer hervor.

Einleitend gibt es eine kleine Hinführung zu Proust und seiner Arbeitsweise als auch zu Atget, der mit seiner Art zu fotografieren, der damaligen Zeit, laut dieser Beschreibung, bereits hinterherhinkte. In folgenden Abschnitten nähert sich das Buch einem Gesamtstimmungsbild von Paris: das Bild der Stadt, die Menschen, Paris von innen, Dimensionen der Kunst und Formen der Natur.

Hier noch einige Veranschaulichungen (für den Text, Bild bitte anklicken):



Sonntag, 16. Oktober 2011

Sarah Kirsch - Caswell Bay

Der Sternfisch der Limpet erwarten
In dunklen Höhlen rettende Flut.
Verändert schwebst du
Rauchend über die Klippen ich bin
Dein Schatte blaue Hyazinthen
Hinter den Ohren.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Am Meeressaum

Heute war ich ihm
für eine kleine Weile
ein sanftes Gegenüber

und das Meer wogte in mir.

NHF - 2011

Donnerstag, 22. September 2011

Oktober

Herbstlicht presst sich durch Platanenblätter
ein Rascheln wandert über graue Pflasterstilleinseln
in deren Hell und Dunkel dicke Tauben trippeln.

NHF - 2011

Anmerkung: dieses Gedicht fällt wohl, wie ich gerade feststelle, in die Rubrik: "unbewusst wieder aufgegriffen", siehe auch: Variationen von Grau)

Mittwoch, 7. September 2011

Tübinger Fundstücke


Seit kurzem habe ich eine neue Liebe - eine gefährliche Liebe - in Gestalt einer Stadt - nämlich Tübingen. Ich war schon öfter dort, auch als wir noch im Ruhrgebiet gewohnt haben, aber scheinbar immer zur falschen Jahreszeit und meist an Sonntagen. Als kalt und abweisend hatte ich Tübingen in Erinnerung und nun .... ich bin begeistert und besonders haben es mir die vielen, kleinen Antiquariate angetan. Ich versuche mich zu beherrschen, aber ... vergebens ...

So, hier also meine Neuzugänge (in der Reihenfolge ihrer Entdeckung):

- Siri Hustvedt - Being a Man - Essays
- Umberto Eco - Die Suche nach der vollkommenen Sprache
- Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee
- Portugiesische Briefe (übertragen von Rainer M. Rilke)
- Robert Walser - Der Spaziergang (Hörbuch)
- In irrer Gesellschaft - Verständigungstexte über Psychotherapie und Psychiatrie (mal ein "Sachbuch")
- Omar-i Chayyam - Ein Wirtshaus im Jenseits (schlechter Titel aber lesenswert) - Persische Weingedichte
- Hedy Kempny / Arthur Schnitzler - das Mädchen mit den dreizehn Seelen (Briefe und Tagebuchblätter)

... und im Anschluss ein Auszug aus dem zuerst genannten Buch von Siri Hustvedt :

"Wir alle legen einen Weg zurück, der vom relativ unbewussten und bruchstückhaften Zustand der Kindheit zu einem funktionierenden verinnerlichten Selbstbild und zu einem bewussten, gegliederten "Ich" innerhalb der Sprachstrukturen führt. Niemand hat tatsächlich Erinnerungen an ein intrauterines Leben oder an die frühe Kindheit, aber wir haben diese Erfahrungen trotzdem gemacht, und Spuren aus dieser schwebenden, undifferenzierten Welt bleiben in uns und suchen uns sogar im Alltag heim: in Furcht und Angst, in Sehnsüchten, beim Sex, im Schlaf und als namenlose Sorgen. Sie ist Teil eines uns größtenteils verborgenen körperlichen Lebens, und nichts ist dieser frühen Erfahrung ferner als der Versuch, diese Realität oder irgendeine Version davon in das Schreiben einzuschreiben. Und doch glaube ich, dass es das war, wohin es Dickens zog, zu diesem bruchstückhaften, ungeformten Raum, oder woran ich oft als das Darunter gedacht habe. In Halluzinationen, in Psychosen, bei verschiedenen Formen von Hirnschäden, in Träumen und in manchen Augenblicken künstlerischen Schaffens scheint das Darunter brüllend an die Oberfläche zu treten: Ganze Bilder zerfallen, und die Zeit ist unterbrochen. Diese Geschichte, die wir das Selbst nennen und als Ich artikulieren, sagt und Dickens, ist geladen und brüchig, und wir müssen kämpfen, um sie zusammenzuhalten."

(Hustvedt, Siri; Being a Man (Charles Dickens und das kranke Bruchstück - Die Magie der Fiktion), S. 145f)

Montag, 22. August 2011

Traumtreibgut

Heute Nacht träumte ich mir
ein türkisfarbenes Meer an mein Bett.
Seichte Wellen säuselten an seine Ränder
und ein Schwarm kleiner Fische
stieg silbern quirlig an die Oberfläche.
In der Ferne sah ich mich treiben
ich winkte wohl auch mir zu.

NHF - 2011

Montag, 18. Juli 2011

Buchvorstellung 11 - Nina Jäckle - Zielinski


Bisher haben mir alle Bücher von Nina Jäckle sehr gut gefallen und dieses hier hat mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt und bringt mich auch jetzt noch zum schmunzeln.
Worum geht es? Zielinski zieht ein. Auf einmal ist er da. Im größten Zimmer des Protagonisten steht sie, Zielinskis, mit blauem Samt, ausgeschlagene Holzkiste, in der Zielinski, unter einem Kronleuchter, sitzt und mehr und mehr in das Leben des Protagonisten, ja, in diesen eindringt. Nach und nach verschwimmen die Ebenen - Realität, Phantasie, was ist Gedanke, was Handlung, was Tat, .....? Eine gelungene Darstellung (u.a.) einer Selbstentfremdung und wie es in der Klappe beschrieben ist: "Nahezu unbemerkt von seinem sozialen Umfeld zieht sich ein Mensch Schritt für Schritt zurück, er kippt aus dem alltäglichen Leben."

..."Dieser Zustand, mir selbst eine Variable zu sein, mir also vorstellen zu können, dass das eigene Erleben nicht vom Tatsächlichen abhängt, sondern vielmehr von einer Entscheidung für die eine oder für die andere mögliche Variante, müsste mich eigentlich beängstigen." (S.71) ...

..."- Im Auf- und Abgehen lässt es sich wunderbar leben, glauben sie mir. Für mich ist das Streben nach Sinnvollem, dem Sie so viel Bedeutung beimessen, lediglich eine nervöse Störung des Selbstverständnisses. Ich bin ohne Auftrag und ohne jedes Begehr, wohnhaft in meiner Kiste, das ist alles. Und es hat nicht im Geringsten etwas mit Ihnen zu tun. Zielinski lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sieht aus meinem Fenster. Dann steht er auf, nimmt seinen Stuhl, er nickt mir höflich zu und geht inseine Kiste, er schließt leise die Tür hinter sich." (S.71f) ...

"Nun stehe ich vor seiner Tür, es riecht nach Holz Ich bin gut aufgehoben, hier, in diesem System, für dessen Erhalt ich einfach nur mit allem einverstanden sein muss. Und so baue ich mir ein Nest aus Widerstandslosigkeit, und es baut sich mühelos, fast wie von selbst." (S.73) 
 aus: Nina Jäckle - Zielinksi

Donnerstag, 7. Juli 2011

Stunde der Selbstverengung ...

"In der Stunde der Selbstverengung, wenn mich die Empfindsamkeit in die Isolation und die Isolation in den Hochmut treibt, gehe ich in das Café Heimatland und schaue der Kellnerin bei der Arbeit zu. Die Frau weiß nicht, dass sie mich ins Leben zurückholt und dass ich nur deswegen ins Café Heimatland gehe. ..."
 Wilhelm Genazino - Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz