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Mittwoch, 5. Februar 2014

Wolfgang Borchert - Liebeslied

Weil nun die Nacht kommt,
bleib ich bei dir.
Was ich dir sein kann,
geb ich dir.

Frage mich niemals:
woher und wohin -
nimm meine Liebe,
nimm mich ganz hin!

Sei eine Nacht lang
zärtlich zu mir.
Denn eine Nacht nur
bleib ich bei dir.

Freitag, 24. August 2012

Rainer Maria Rilke - Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

(1906)

Samstag, 31. März 2012

Sternenprobe

Einander in die Augen sehn
für eine Nacht und einen Morgen
Auf einmal fließt ein Stern
nicht größer als ein Bienenkopf
an einem Faden Licht
behutsam wie man die Hände
sinken läßt und
die Tischkante nicht berührt
Wenn das geschieht ist es für lange

Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Dienstag, 7. Februar 2012

Rainer Maria Rilke - Narziss

I

Dies also, dies geht von mir aus und löst
sich in der Luft und im Gefühl der Haine,
entweicht mir leicht und wird nicht mehr das Meine
und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.

Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,
ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;
doch alle meine Grenzen haben Eile,
stürzen hinaus und sind schon dort.

Und selbst im Schlaf. Nichts bindet uns genug.
Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche,
der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug
von allen Stellen meiner Oberfläche.

Was sich dort bildet und mir sicher gleicht
und aufwärts zittert in verweinten Zeichen,
das mochte so in einer Frau vielleicht
innen entstehn; es war nicht zu erreichen,

wie ich danach auch drängend in sie rang.
Jetzt liegt es offen in dem teilnahmslosen
zerstreuten Wasser, und ich darf es lang
anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.

Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin
ist nichts, als Gleichmut überstürzter Steine,
und ich kann sehen, wie ich traurig bin.
War dies mein Bild in ihrem Augenscheine?

Hob es sich so in ihrem Traum herbei
zu süßer Furcht? Fast fühl ich schon die ihre.
Denn, wie ich mich in meinem Blick verliere:
ich könnte denken, daß ich tödlich sei.

II

Narziss verging. Von seiner Schönheit hob
sich unaufhörlich seines Wesens Nähe,
verdichtet wie der Duft vom Heliotrop.
Ihm aber war gesetzt, daß er sich sähe.

Er liebte, was ihm ausging, wieder ein
und war nicht mehr im offnen Wind enthalten
und schloß entzückt den Umkreis der Gestalten
und hob sich auf und konnte nicht mehr sein.


Ist es nicht wunderschön? Und was mich in diesem Zusammenhang vor kurzem ebenfalls in den Bann zog, ist ein Text von Lou Andreas-Salomé "Narzißmus als Doppelrichtung". Ich musste mich erst etwas einlesen und an den Stil gewöhnen, fand viele Aspekte, gerade auch in Bezug auf die Entwicklung meiner Tochter, haha und rückblickend natürlich auch auf meine eigene, sehr interessant. Der Text kann beim Gutenberg-Projekt kostenlos als html oder auch für E-Books heruntergeladen werden. 

Ja, und wer von Euch, wie ich, Rilke liebt, und den Blog von George noch nicht kennt, der "sollte" schnell mal auf den folgenden Link klicken: http://mitrilkedurchdasjahr.blogspot.com/

Sonntag, 18. Dezember 2011

Sylvia Plath - Quetschung (Contusion)

Farbe flutet dorthin, ein mattes Purpur.
Der übrige Körper ist ganz verwaschen,
Die Farbe von Perlen.

In einem Felsloch
Saugt das Meer besessen:
Eine Höhlung die Angel des ganzen Meeres.

Fliegengroß
kriecht das Todeszeichen
die Wand hinunter.

Das Herz fällt zu,
Das Meer gleitet zurück,
Die Spiegel sind verhangen.


Und zum Vergleich hier noch die  englische Original-Version:

Colour floods to the spot, dull purple.
The rest of the body is all washed out,
the colour of pearl.

In a pit of rock
The sea sucks obsessively,
One hollow the whole sea's pivot.

The size of a fly,
The doom mark
Crawls down the wall.

The heart shuts,
The sea slides back,
The mirrors are sheeted.


aus: Sylvia Plath, Ariel

Sonntag, 16. Oktober 2011

Sarah Kirsch - Caswell Bay

Der Sternfisch der Limpet erwarten
In dunklen Höhlen rettende Flut.
Verändert schwebst du
Rauchend über die Klippen ich bin
Dein Schatte blaue Hyazinthen
Hinter den Ohren.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Dienstag, 1. März 2011

Ein sehr kleiner Raum

Am Ende verschlägt es uns in einen sehr
kleinen Raum, für Sätze, Herzschlag, Gebärde
zu eng. Wenn Raum so heranrückt, ist von Zeit
nichts mehr zu hören. Jetzt nicht loslassen in diesem
Würgegriff, wer zwischen erdigen Decken zu Hause ist,
kann ruhig ersticken. Das Ungeschehbare fängt an, sich
zu vollziehen; Beklemmung, Atemnot
verkehren sich. Im strahlenden Schwarz folgt
ein unendliches Ausdehnen, ohne Körper kann
man wahrhaftig heimkehren. So wie aus einer Schar von
Vögeln sich das Schwärmen löst, sich aus der größt-
möglichen Verdichtung das Gedicht hervorwindet
und Vers wird, so wie in Erde, so wie Luft.

Anna Enquist - Ein neuer Abschied

Sonntag, 30. Januar 2011

Sarah Kirsch - Fremder

Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Montag, 10. Januar 2011

Die Materie ...

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien ...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Alberto Caeiro/Fernando Pessoa - Poesie - Verstreute Gedichte

Dienstag, 7. Dezember 2010

Charles Bukowski - Manche Leute

Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.

Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.

Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.

Charles Bukowski - Flinke Killer

-> siehe auch mein Ölbild zu Charles Bukowski (dieser links im Bild)

Dienstag, 28. September 2010

Sarah Kirsch - Auf einer Klippe

Das Meer brüllte im
Wind und übertraf ihn.
Ich ging
In seinem und seinem
Schreien und Wehen
Auf Lavastufen. Der
Wind ist alt er
Lachte als er mich
Sah. Übergab mir der
Meergänse Schrei.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Montag, 2. August 2010

Rainer Maria Rilke - Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Und heute mal eines meiner Lieblingsgedichte und eines meiner Lieblingsfotos von Rilke.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Rainer Maria Rilke