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Freitag, 15. März 2013

Buchvorstellung 14 - Ulla Lachauer - Magdalenas Blau

Untertitel: Das Leben einer blinden Gärtnerin.


Eines schönen Tages spazierte ich so durch meine Heimatstadt, hatte gerade eine weniger schöne zwischenmenschliche Erfahrung gemacht, war daher etwas melancholisch, und ging, um mich zu zerstreuen, in einen Oxfam Laden. Dort finde ich oft etwas, um meine Seele zu streicheln. Und neben einem kleinen Robert Walser, entdeckte ich dieses Buch. Wäre ich anderer Stimmung gewesen, hätte ich wohl nicht hinein geschaut aber so nahm ich es mit zur Kasse.

Und es ist eines der wenigen Bücher, der letzten Zeit, die mich wirklich gepackt haben, doch nachdem ich es ganz gelesen hatte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich es tatsächlich hier vorstellen mag, denn es gibt für mich einen Bruch im Buch, wie eine Art blinder Fleck und so froh es mich am Anfang gestimmt hat, so melancholisch wurde ich gegen Ende und konnte mir nicht genau erklären warum.
ABER letztlich passt genau dies zu der Geschichte (s.u.) und eigentlich ist es meiner Meinung nach gerade das, was ein gutes Buch mitunter ausmacht, wenn sich nämlich die, durch die Art und Weise der schriftstellerischen Darstellung hervor gerufene, jedoch nicht explizit benannten, Stimmungen und Gefühle, in einem selbst ausbreiten, die erzählte Geschichte in einem selbst lebendig wird und eine Eigendynamik entfaltet. Ja, sie sind gefährlich diese Bücher!

Doch worum geht es nun inhaltlich? Das Buch handelt von Magdalena Eglin (Pseudonym), die nur einen kleinen Sehrest hat und im Laufe ihres Lebens immer mehr erblindet.
Ihre Kindheit (geboren 1933), die Kriegsjahre, die Zeit der Ausbildung, wie sie ihren Mann kennen lernt und wie die beiden sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen, wie dann auch ihr Sohn geboren wird, der den gleichen erblich bedingten Sehfehler hat, wird von der Autorin Ulla Lachauer sehr anschaulich dargestellt.
In den Verlauf der Lebensgeschichte sind dabei Einschübe der "gegenwärtigen Zeit" von Januar bis Oktober (bis zur Herzoperation Eglins), in denen die Gärtnerin Eglin spricht und sich erinnert, eingefügt
Magdalena Eglin wirft sich geradezu ins Leben, manchmal drücken die Sorgen der Kriegsjahre und später der Alltagsforderungen, und dennoch ist es ein Buch voller Humor und großem Mut und einem noch größeren Willen an die Welt.
Die Geschichte von Magdalena Eglin lässt einen das Leben lieben, man will wild und ungezähmt sein, so wie sie es an vielen Stellen ist. Und wohl gerade weil die Hauptfigur mit den Augen schlecht sieht, ist es ein sehr visuelles Buch, es eröffnen sich andere Arten von "Welt-Sehen" und "Welt-Erfassen".

"Ich hatte ein Spiel erfunden, das ging so: Rein ins Münster, ins Dunkle, wieder raus auf den Markt, ins Helle. Wieder ins Dunkle, und wieder ins Helle. Helldunkelhelldunkelhelldunkel - das war eine Seligkeit für die Augen, besonders bei Hitze oder starkem Frost, wenn zwischen daußen und drinnen auch noch ein Temperaturunterschied war. Kühlwarm, kühlwarm, was war ein Gefühl auf der Haut, sie prickelte, und ich glaubte zu spüren, wie das Blut in den Adern fließt, am Handgelenk, da, wo der Puls ist, den die Lehrerin mir gezeigt hat. Helldunkel, kühlwarm." 

aus: Ulla Lachauer, Magdalenas Blau, S.50 (geb. Ausgabe)

Donnerstag, 31. Mai 2012

Buchvorstellung 13 - Gerard Donovan - Winter in Maine


Kurz gesagt: Julius Winsome lebt allein im Wald. Eines Tages wird sein Hund Hobbes erschossen. Allem Anschein nach mit Absicht. Winsome macht sich, zusammen mit seiner Enfield, auf den Weg eine Antwort zu suchen ...
Winsomes Vater und Großvater, der Krieg, Blumen, die Stille, eine Frau und Shakespeare, sowie 3282 Bücher spielen (n.w.) ebenfalls eine Rolle und machen dieses Buch lesenswert.
Es ist nun schon einige Wochen her, seit ich das Buch beendet habe und es bewegt mich noch immer. Besonders als ich vor kurzem in einem ausgedehnten Wald spazieren war und dachte "Hier müsste man 'Winter in Maine' (erneut) lesen"; denn geblieben ist, trotz allem (selbst zu lesen!) letztlich eine sanfte Stimmung ...
"Die Leute besiegen den Winter, indem sie nächtelang lesen und die Seiten hundertmal schneller umblättern, als ein Tag vergeht, kleine Zahnräder, die während all dieser Monate ein größeres in Bewegung halten. Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille wie ein aufgespießtes Insekt. Sätze verwandeln sich in einzelne Worte, und um zwölf Uhr verschmelzen die beiden Zeiger zu einem. Jeder Blick endet im Schnee. Jeder Schritt versinkt im Norden. So ist die Zeit in Maine, das Weiß der Zeit." (S.77) ...

Mittwoch, 30. November 2011

Buchvorstellung 12 - Marcel Proust / Eugene Atget - Ein Bild von Paris


Ein schönes, kleines Büchlein, das ich immer mal wieder zur Hand nehme. Die Texte sind aus Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und zeigen seine detaillierte Sicht auf Paris. Die Textauszüge von Proust und die Fotos von Atget beziehen sich dabei nicht direkt aufeinander, sondern zeigen, jeweils auf ihre Weise Stimmungen zu Stadt und Menschen in Paris und ergänzen sich so jeweils. Zuerst fand ich dies schade aber wenn man Bilder und Texte etwas in sich wirken lässt ist es doch eine Bereicherung, denn nicht nur das Gemeinsame der Sichtweisen, auch die Unterschiede sowohl in der Art der Betrachtung als auch in der daraus folgenden künstlerischen Umsetzung treten so klarer hervor.

Einleitend gibt es eine kleine Hinführung zu Proust und seiner Arbeitsweise als auch zu Atget, der mit seiner Art zu fotografieren, der damaligen Zeit, laut dieser Beschreibung, bereits hinterherhinkte. In folgenden Abschnitten nähert sich das Buch einem Gesamtstimmungsbild von Paris: das Bild der Stadt, die Menschen, Paris von innen, Dimensionen der Kunst und Formen der Natur.

Hier noch einige Veranschaulichungen (für den Text, Bild bitte anklicken):



Montag, 18. Juli 2011

Buchvorstellung 11 - Nina Jäckle - Zielinski


Bisher haben mir alle Bücher von Nina Jäckle sehr gut gefallen und dieses hier hat mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt und bringt mich auch jetzt noch zum schmunzeln.
Worum geht es? Zielinski zieht ein. Auf einmal ist er da. Im größten Zimmer des Protagonisten steht sie, Zielinskis, mit blauem Samt, ausgeschlagene Holzkiste, in der Zielinski, unter einem Kronleuchter, sitzt und mehr und mehr in das Leben des Protagonisten, ja, in diesen eindringt. Nach und nach verschwimmen die Ebenen - Realität, Phantasie, was ist Gedanke, was Handlung, was Tat, .....? Eine gelungene Darstellung (u.a.) einer Selbstentfremdung und wie es in der Klappe beschrieben ist: "Nahezu unbemerkt von seinem sozialen Umfeld zieht sich ein Mensch Schritt für Schritt zurück, er kippt aus dem alltäglichen Leben."

..."Dieser Zustand, mir selbst eine Variable zu sein, mir also vorstellen zu können, dass das eigene Erleben nicht vom Tatsächlichen abhängt, sondern vielmehr von einer Entscheidung für die eine oder für die andere mögliche Variante, müsste mich eigentlich beängstigen." (S.71) ...

..."- Im Auf- und Abgehen lässt es sich wunderbar leben, glauben sie mir. Für mich ist das Streben nach Sinnvollem, dem Sie so viel Bedeutung beimessen, lediglich eine nervöse Störung des Selbstverständnisses. Ich bin ohne Auftrag und ohne jedes Begehr, wohnhaft in meiner Kiste, das ist alles. Und es hat nicht im Geringsten etwas mit Ihnen zu tun. Zielinski lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sieht aus meinem Fenster. Dann steht er auf, nimmt seinen Stuhl, er nickt mir höflich zu und geht inseine Kiste, er schließt leise die Tür hinter sich." (S.71f) ...

"Nun stehe ich vor seiner Tür, es riecht nach Holz Ich bin gut aufgehoben, hier, in diesem System, für dessen Erhalt ich einfach nur mit allem einverstanden sein muss. Und so baue ich mir ein Nest aus Widerstandslosigkeit, und es baut sich mühelos, fast wie von selbst." (S.73) 
 aus: Nina Jäckle - Zielinksi

Montag, 16. Mai 2011

Buchvorstellung 10 - Henry Miller - Die Kunst des Lesens (Ein Leben mit Büchern)



Als nach wie vor begeisterte Leserin von Henry Miller ist dieses kleine Bändchen natürlich eines meiner Lieblinge. Damals, es mag vor mehr als 15 Jahren gewesen sein, war es gar nicht so einfach an eine Ausgabe zu kommen, die weder zerfleddert ist, noch unangebrachte Anmerkungen oder sonstige Krakeleien enthält.
Wie auch die anderen Bände meiner HVM-Sammlung, so schaue ich auch in "Die Kunst des Lesens" dann und wann hinein und finde immer etwas, das mich anspricht und mir Lust macht, etwas von diesem oder jenem Schriftsteller (z.B. Hamsun) bzw. dieser/jener Schriftstellerin zu lesen. Es gefällt mir, dass es nur ein schmales Bändchen ist, die meisten dicken Wälzer sind mir eher suspekt und ich kenne kaum ein "umfangreiches" Buch, das durchgängig lesenswert wäre - aber ich lasse mich gerne bekehren.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort (des Herausgebers und von HVM)
I. Sie waren lebendig und sie sprachen mit mir
II. Frühe Lektüre
III. Blaise Cendrars
IV. Jean Giono
V. Brief an Pierre Lesdain

Anhang:
1. Die hundert Bücher, die mich am stärksten beeinflussten
2. Bücher, die ich noch lesen möchte

Über den Verfasser 

Personenregister und Verzeichnis der erwähnten Bücher

aus dem Inhalt (S.94):
"Lassen Sie mich dem hinzufügen: als ich einigen mir befreundeten Buchhändlern die Bücher aufgab, die ich gern haben wollte, erhielt ich als Rückantwort von allen im wesentlichen die gleiche unverlangte Ohrfeige: << Noch nie einen solchen phantastischen Mischmasch von Titeln gesehen! >> Als hätte ich bei der Auswahl aus allen Büchern, die ich in den letzten vierzig Jahren gelesen habe, für sie eine bestimmte ansprechende und verständliche Reihenfolge von Titeln zusammenstellen wollen! Wo sie ein Tohuwabohu erblickten, sehe ich Ordnung und Sinn. Meine Ordnung, meinen Sinn. Meinen inneren geistigen Zusammenhang. Wer kann mir sagen, was ich hätte lesen sollen und in welcher Reihenfolge; Wie unsinnig! Je mehr ich meine Vergangenheit ins Licht hebe, so wie sie sich durch die Bücher, die ich gelesen habe, selbst darbietet, desto stärkere Logik, desto größere Ordnung, desto strengere Zucht entdecke ich in meinem Leben. Selbst wenn es wie Sumpfland erscheint, stets trägt das eigene Leben einen tiefen Sinn in sich."

Dienstag, 22. März 2011

Buchvorstellung 09 - Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung



Dieses Buch habe ich erst vor kurzem entdeckt. Es enthält eine Zusammenstellung der "Meerestexte" von Lenz und hat mir, als Meeresliebhaberin, sehr zugesprochen. Dabei ist es in folgende Bereiche gegliedert: Meer und Küste, Fluß und Hafen, Marine, Die Wracks und die Taucher, Vom Fischen und Angeln, Aquariums-Kultur oder Der große Zackenbarsch und enthält noch den Epilog: Kleines Strandgut. Im Glossar finden sich Erläuterungen zu solch gut oder seltsam klingenden Worten, wie  z.B. "bathypelagische Zone" (sogenannte lichtlose Zone, von 1000 bis 4000 Meter unter dem Meeresspiegel) oder "krängen" (seitliche Neigung eines Schiffes).
Von der Klappe: "Siegfried Lenz , ..., ist nicht nur einer der letzten großen Geschichtenerzähler - er ist auch ein Schriftsteller des Meeres: Strände, Häfen, Inseln, Küsten, Fjorde, große und kleine Schiffe sind die Schauplätze seines Werks; sein Personal besteht aus Fischern, Anglern, Tauchern, Matrosen, Hafenarbeitern, Schauerleuten. Siegfried Lenz' Bücher sind ohne das Wasser nicht denkbar: Wie alle Wasserläufe führt der Welt führt auch der Strom seines Erzählens am Ende unfehlbar zum Meer, als folge er einem verborgenen Gesetz."

Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung (marebibliothek)

"Unmittelbar neben dem Pfad zog sich eine Flutlinie von Seetang, verdorrtem Pfeilgras und Geröll hin, und parallel zu ihr liefen andere, ältere Linien: jede große Flut hatte so ihre Markierung hinterlassen, ihren Erinnerungsstreifen, der von der winterlichen Kraft der See zeugte oder von ihrem winterlichen Grimm. Jede Flut hatte etwas anderes erbeutet, eine hatte weißgewaschenes Wurzelwerk aufs Land geschleudert, eine andere Korkstücke und einen zerschlagenen Kaninchenstall, da lagen Tangknollen und Muscheln und zerrissene Netze und jodfarbene Gewächse, sie wie groteske Schleppen aussahen, ..." (Siegfried Lenz - Deutschstunde)

Dienstag, 18. Januar 2011

Buchvorstellung 08 - Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen


Klein aber fein. Eine meiner Lieblingserzählungen.
Aus der Beschreibung: "Giono erzählt von einem alten Menschen, dem provenzalischen Hirten Elźeard Bouffier, der unbeirrbar Tag für Tag, Jahr für Jahr, völlig allein und ohne Auftrag, Zehntausende von Eicheln in den dürren Boden des Hochlandes seiner Heimat versenkte. In wenigen Jahrzehnten wuchsen Bäume, entstanden weite Wälder. Und damit kehrte wieder Leben in die Einöde zurück."
"Damit der Charakter eines Menschen wahrhaft außergewöhnliche Qualitäten offenbare, muß man das Glück haben, seine Tätigkeit während vieler Jahre beobachten zu können. Und wenn diese Tun frei ist von jeglichem Eigennutz und die ihn leitende Idee von beispiellosem Edelmut, wenn ferner sicher feststeht, daß er nirgendswoher Dankerwartet, und wenn er zu dem allem auf der Welt sichtbare Spuren hinterließ, dann hat man unfehlbar einen unvergeßlichen Charakter vor sich."
Jean Giono - Der Mann mit den Bäumen (Flamberg-Verlag)

Samstag, 20. November 2010

Buchvorstellung 07 - Gunter Geltinger: Mensch Engel


Manchmal streife ich einfach durch die Bibliothek und nehme das eine oder andere Buch, das mir aus irgendeinem Grund auffällt in die Hand. So auch geschehen bei diesem Buch, worüber ich sehr froh bin, denn seit langem einmal wieder war ich richtig gepackt und etwas wehmütig als ich das Buch dann ausgelesen hatte.
Fasziniert hat mich zum einen die Sprache, die verschiedenen Ebenen, die sich immer wieder umkreisen, aber letztlich am meisten die Hauptfigur Engel und ihr innewohnender Schmerz; der Versuch des Ankommens in der Welt (so mit meinen Worten), des Seins innerhalb (s)einer Biografie, der letztlich sowohl gelingt als auch scheitert - ja nachdem, was man unter Biografie so verstehen mag. Ähnlich ist es mit einer Beschreibung hier - was sagt sie letztlich aus? - also am besten selber lesen und auf sich wirken lassen.
"...einfach hinterher und hinein in eine neues, anderes, vielleicht besseres Leben, in eine neue, andere, bessere, von ihm, Engel, mit weniger Fluchtversuchen und Trennungsszenen und Redeboykotten, dafür mit mehr Herzenswärme und Mitgefühl und Aufmerksamkeit gelebte so genannte Liebesbeziehung, in de rich Liebe, denkt er, dieses heikle, unhaltbare, immer nur im Konjunktiv, also in der Möglichkeitsform zu denkende, zu schreibende, zu fühlende Wort frei aussprechen und nicht nur aussprechen, sondern tatsächlich auch leben könnte als Folge und Ausdruck einer selbsterklärenden, sich selbst ernährenden Liebesbeziehung, in der ich Herzenswärme nicht empfände, sondern empfinde, Mitgefühl nicht hätte, sondern habe, Aufmerksamkeit nicht entgegenbrächte, sondern -bringe, in der ich sogar das Geschirr abräume und die Lichter hinter mir ausknipse und die Blumen gieße, nicht gösse."
Und hier noch der Link zur Literarischen Woche Bremen, wo einige Interviews/Podcasts mit Herrn Geltinger zu finden sind (siehe Ausgabe 4,5 und 6).

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Buchvorstellung 06 - C. W. Aigner: Logik der Wolken


Wie mag man den Inhalt dieses Buches beschreiben - als mehr oder wenig komplexe Prosaskizzen - zwischen inneren Gedanken und Weltbeschreibung?
Ich nehme das Buch immer wieder gerne zur Hand um ein bisschen zu träumen, zu denken, abzuschweifen...
"Was die meisten Menschen sagen was sie sehen, beunruhigt mich, denn ich kann es nicht sehen. Und es beunruhigt mich noch mehr, dass sie genau Bescheid darüber zu wissen scheinen, was sie sehen; und dass dies die Realität sei, auf der die menschliche Welt aufgebaut ist." (S.22)

"Mondhäutchen auf dem gespannten Vormittagsblau."(S.38)

"Die Sonne in der Farbe eines Brathuhns, bei Brandwolkenkrusten, in den Horizont gedreht; da fließt buttergelbes zerlassenes Licht." (S.69) 
Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Donnerstag, 30. September 2010

Buchvorstellung 05 - Nicolas Michel: Emilies letzte Reise


Das erste Buch, das ich von Nicolas Michel entdeckt habe, heißt "Die Blaue" und ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr empfehlenswert. "Emilies letzte Reise" jedoch ist noch schöner. Die Geschichte wird rückwärts erzählt und beginnt mit einer Leiche, die auf ihrem Weg den verschiedensten Menschen begegnet und deren Geschichten miteinander verbindet. Hier nun ein kleiner Auszug:
"Sie scheint es entsagend geschehen zu lassen. Sie kämpft nicht mehr, sie überläßt sich der Strömung, die sie von einem zum anderen Ort schiebt, wie der Zufall es will oder die Sterne oder der Wind oder der Mond.
Sie lächelt, ihr Lächeln ist noch feiner als dasjenige, das sie zu Lebzeiten trug.
Ihr Tod war ein aufregendes Abenteuer, eine letzte Clownerie, und sie ist stolz darauf. Nicht viele Leute können sich eines solchen Todes rühmen. Sie hatte die Zeit, mit den Menschen, die ihr auf diesem Weg unterkamen, ihre Späße zu treiben. Sie hat es ausgekostet bis zum letzten Augenblick vor ihrer Verwesung.
Sie hätte es sich sehr verübelt, wenn sie ab dem Zeitpunkt ihres Todes einfach nur aufgehört hätte, zu sein. Das entsprach nicht ihrer Auffassung von Leben. Hätte sie darauf verzichtet, ihren Tod zu einem Seiltanz zu machen, wäre das Verrat an ihren sechsundzwanzig irdischen Jahren gewesen. ..."
 Nicolas Michel - Emilies letzte Reise

Freitag, 20. August 2010

Buchvorstelllung 04 - Brassai: Henry Miller, Happy Rock



Ein weiteres meiner Lieblingsbücher. Als Fan von Henry Miller hatte ich damals schon bald all auf deutsch erhältlichen Bücher gelesen und habe dann begonnen mir die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzen Bücher heraus zu suchen. "Happy Rock" gehört(e?) dazu. Geschrieben wurde es von Brassai, es sind Gespräche vornehmlich zwischen den beiden über einen Zeitraum von 20 Jahren (1953-1973). Ich finde dies Buch gibt einen sehr lebendigen Eindruck von Henry Miller wieder und ist ein Muss für alle Fans von ihm. Also, viel Spaß beim lesen.
"Yesterday at the Hotel Montfleury, Henry, already up, complains he hasn't slept well. And he continous to grumble: "I have no gift a s a speaker. Talking doesn't come easy to me. So I'm always hesitant to express myself 'live', especially in French. I mumble. I always feel inferior to that other self who expresses himself im my writings. And, on most questions, I've already replied better in my books. This will probably be my last broadcast on TV.""
(Chapter 9 - Tuesday, May 10, 1960)

Dienstag, 20. Juli 2010

Buchvorstelllung 03 - Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit


Dies Buch ist ganz frisch auf dem Markt. Als ich davon gehört habe war mein erster Gedanke: Wieso ist nicht schon eher jemand darauf gekommen? Worum es geht: Alle Gemälde, die Marcel Proust in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" benannt hat, werden, zusammen mit der betreffenden Textstelle aufgeführt. Ein besonderer Leckerbissen also, wenn ich mir den Band auch gerne in einem größeren Format, bei dem die Bilder noch besser zur Geltung kommen könnten, anschauen würde. Und man lernt nie aus:

"Ekphrasis ist der Terminus, den die klassische Rhetorik für diese Verbindung aus Worten und Bildern reserviert hat, einen Zustand der Nachahmung, den der Dichter und Kritiker John Hollander >>Mimesis der Mimesis<< nennt. Es gibt zwei grundlegende Modi der Ekphrasis, und Proust setzt beide ein. Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imginären Kunstwerks. [...] Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasiekonstrukt, erdacht von Marcel Proust. Tatsächliche Ekphrasis meint die Evozierung eines existierenden Kunstwerks." (S.20)


James Abbott McNeill Whistler, Zwielicht in Opal:Trouville, 1865 (S.120/121) aus: Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde der Verlorenen Zeit

Donnerstag, 8. Juli 2010

Buchvorstelllung 02 - Bettina Gundermann - Lysander


Eines meiner Lieblingsbücher, das, glaube ich, leider gar nicht sehr bekannt ist. Aber dafür umso lesenswerter. Worum es geht? Um Freundschaft, um Liebe, um einen, den (mißgestalteten) Lysander, der versucht in die Welt zu gelangen, aus dem Verborgenen heraus zu kommen. Beeindruckt hat mich die Sprache; roh, direkt ohne platt zu wirken. Die Wörter haben Kraft, beschönigen nicht, immer am Rand des "gerade noch". Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen und werde es sicher auch noch öfter lesen. Auch die gebundene Ausgabe ist erschwinglich und es lohnt sich, sich diese zuzulegen.

"Im neuen Heim gibt es Zweibettzimmer und in jedem Zimmer hängt ein Spiegel. Auch in den Waschräumen gibt es sie. Das ist Lysander neu, sich in dieser Größe und Schärfe und Deutlichkeit zu betrachten. Nicht wegen dir gibt es hier keine Spiegel, hatte ihm eine der Frauen aus dem ersten Heim erklärt, sobald er alt genug war. Er hatte sie nicht danach gefragt. Sondern wegen Gott, hatte sie gesagt. Mag Gott keine Spiegel?, fragte Lysander? Gott ist egal, wie die Menschen aussehen, er liebt jedes Kind, hatte die Frau geantwortet. Und als er sechs war und lesen konnte, da las er es jeden Tag, dreimal, so wie er jetzt das erste Mal vor einem Spiegel steht und zittert, weil dieses gestochen scharfe Bild seines Gesichts, seines Körpers, strahlend hell, ihm die Kälte durch den Leib peitscht. ..."
Bettina Gundermann - Lysander

Freitag, 18. Juni 2010

Buchvorstellung 01 - Rajzel Zychlinski: di lider



So komme ich zu meiner ersten "Buchvorstellung", dies in Anführungsstrichen, da es sich vielmehr um die Vorstellung einer CD mit vertonten Gedichten von Rajzel Zychlinski (di Lider, Gedichte 1928-1991) handelt. Ich kannte die Autorin zuvor nicht und habe dies Kleinod sozusagen im vorbeigehen zu einem wirklich lächerlichen Preis erstanden, der mich ein bisschen beschämte.
Kurz gesagt ich finde die CD himmlisch; Musik und auch die Art des Gedichtvortrags ergeben ein stimmiges Ganzes und unterstreichen Tonart, Ausdruckskraft und Bildlichkeit der Gedichte sehr gut.

Gott hat verborgen sein Gesicht

Alle Wege haben zum Tod geführt,
alle Wege.
Alle Winde haben Verrat geatmet,
alle Winde.
Auf allen Schwellen haben böse Hunde gebellt,
auf allen Schwellen.
Alle Wasser haben über uns gelacht,
alle Wasser.
Alle Nächte wurden fett von unserem Schrecken,
alle Nächte.
Und die Himmel waren kahl und leer,
alle Himmel.
Rajzel Zychlinski