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Montag, 18. Juni 2012

Fernando Pessoa

"Seit langem schon - ich weiß nicht, ob seit Tagen, ob seit Monaten - zeichne ich keinen Eindruck mehr auf; ich denke nicht, also existiere ich nicht. Ich habe vergessen, wer ich bin; ich vermag nicht zu schreiben, weil ich nicht zu sein vermag. Infolge einer sonderbaren Betäubung bin ich ein anderer gewesen. Zu wissen, daß ich mich nicht erinnere, heißt erwachen.
   Ich habe ein Stück meines Lebens in Ohnmacht verbracht. Ich kehre zu mir zurück ohne einer Erinnerung an das, was ich gewesen bin, und die Erinnerung and das, was ich war, leidet darunter, daß sie unterbrochen worden ist. In mir spüre ich die verworrene Empfindung eines unbekannten Zwischenraums, die nutzlose Anstrengung eines Teils meines Gedächtnisses, den anderen Teil wiederzufinden. Ich bin außerstande, wieder an mich anzuknüpfen. Falls ich gelebt haben sollte, habe ich vergessen, davon zu wissen."

aus: Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe, S. 164, (28.9.1932) 

Montag, 10. Januar 2011

Die Materie ...

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien ...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Alberto Caeiro/Fernando Pessoa - Poesie - Verstreute Gedichte

Mittwoch, 1. September 2010

Gelehrsamkeit der Sensibiliät

"Es gibt eine Gelehrsamkeit der Erkenntnis, die im eigentlichen Sinne das ist, was man Gelehrsamkeit nennt, und eine Gelehrsamkeit des Verstandes, die das ist, was man Kultur nennt. Es gibt aber auch eine Gelehrsamkeit der Sensibiliät.
Die Gelehrsamkeit der Sensibiliät hat nichts zu tun mit der Lebenserfahrung. Die Lebenserfahrung lehrt uns nichts, so wie die Geschichte über nichts informiert. Die wahre Erfahrung besteht darin, den Kontakt mit der Wirklichkeit einzuschränken und die Analyse dieses Kontakts zu verstärken. Sie gelangt die Sensibilität in die Breite und in die Tiefe, weil alles in uns liegt; es genügt, daß wir es suchen und zu suchen verstehen."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe (389)

Sonntag, 11. Juli 2010

Spiegelungen

"Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sensibilität

"Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität." 
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe