Sonntag, 1. Mai 2011

Lektüre

"Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glauben, wir hätten sie nutzlos vertan: Die nämlich, die wir mit der Lektüre eines Lieblingsbuches verbrachten."
Marcel Proust

Dienstag, 19. April 2011

Völlig losgelöst

Wie wunderbar sind Inseln! Inseln im Unendlichen wie diese, auf die ich mich zurückgezogen habe, Inseln von unabsehbarem Wasser umschlossen, ohne verbindende Brücken, Kabel oder Telefone. Eine Insel fernab der Welt und ihrem Getriebe. Inseln inmitten der Zeit wie meine kurzen Ferien. Vergangenheit und Zukunft sind abgeschnitten: Nur die Gegenwart bleibt. Das Dasein im Jetzt verleiht dem Inselleben äußerste Intensität und Reinheit. Wie ein Kind oder ein Heiliger lebt man in der Unmittelbarkeit des Hier und Heute. Jeder Tag, jede Handlung ist eine Insel, von Zeit und Raum umspült und in sich geschlossen wie eine Insel. Auch die Menschen werden in dieser Atmosphäre zu Inseln, in sich gestillt, unversehrt und heiter-gelassen. Sie achten die Einsamkeit des anderen, dringen nicht an seine Küsten, machen ehrfürchtig halt vor dem Wunder eines anderen Individuums. "Kein Mensch ist eine Insel", hat John Donne gesagt. Ich glaube, daß wir alle Inseln sind - in einem gemeinsamen Meer.

Anne Morrow Lindbergh - Völlig losgelöst, Auszug aus: Muscheln in meiner Hand - wiederum in: Meer Geschichten (dtv, S. 213)

Dienstag, 12. April 2011

Gedicht des Meeres

Das Meer weicht zurück
bis zum Horizont
geht über in Grau

Im feuchten spiegelnden Grunde
werfen hunderte von Sandwürmern gekräuselte Burgen auf
grünlichbraune Algen schlingen sich umher
und die bunten Häuser der Napfschnecken
setzen sich vereinzelt als Punkt hinzu

zaghaft nähert sich die Flut
treibt kleine Krebse
zwischen die flüchtigen Zeilen

NHF - 2011

Dienstag, 22. März 2011

Buchvorstellung 09 - Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung



Dieses Buch habe ich erst vor kurzem entdeckt. Es enthält eine Zusammenstellung der "Meerestexte" von Lenz und hat mir, als Meeresliebhaberin, sehr zugesprochen. Dabei ist es in folgende Bereiche gegliedert: Meer und Küste, Fluß und Hafen, Marine, Die Wracks und die Taucher, Vom Fischen und Angeln, Aquariums-Kultur oder Der große Zackenbarsch und enthält noch den Epilog: Kleines Strandgut. Im Glossar finden sich Erläuterungen zu solch gut oder seltsam klingenden Worten, wie  z.B. "bathypelagische Zone" (sogenannte lichtlose Zone, von 1000 bis 4000 Meter unter dem Meeresspiegel) oder "krängen" (seitliche Neigung eines Schiffes).
Von der Klappe: "Siegfried Lenz , ..., ist nicht nur einer der letzten großen Geschichtenerzähler - er ist auch ein Schriftsteller des Meeres: Strände, Häfen, Inseln, Küsten, Fjorde, große und kleine Schiffe sind die Schauplätze seines Werks; sein Personal besteht aus Fischern, Anglern, Tauchern, Matrosen, Hafenarbeitern, Schauerleuten. Siegfried Lenz' Bücher sind ohne das Wasser nicht denkbar: Wie alle Wasserläufe führt der Welt führt auch der Strom seines Erzählens am Ende unfehlbar zum Meer, als folge er einem verborgenen Gesetz."

Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung (marebibliothek)

"Unmittelbar neben dem Pfad zog sich eine Flutlinie von Seetang, verdorrtem Pfeilgras und Geröll hin, und parallel zu ihr liefen andere, ältere Linien: jede große Flut hatte so ihre Markierung hinterlassen, ihren Erinnerungsstreifen, der von der winterlichen Kraft der See zeugte oder von ihrem winterlichen Grimm. Jede Flut hatte etwas anderes erbeutet, eine hatte weißgewaschenes Wurzelwerk aufs Land geschleudert, eine andere Korkstücke und einen zerschlagenen Kaninchenstall, da lagen Tangknollen und Muscheln und zerrissene Netze und jodfarbene Gewächse, sie wie groteske Schleppen aussahen, ..." (Siegfried Lenz - Deutschstunde)

Dienstag, 1. März 2011

Ein sehr kleiner Raum

Am Ende verschlägt es uns in einen sehr
kleinen Raum, für Sätze, Herzschlag, Gebärde
zu eng. Wenn Raum so heranrückt, ist von Zeit
nichts mehr zu hören. Jetzt nicht loslassen in diesem
Würgegriff, wer zwischen erdigen Decken zu Hause ist,
kann ruhig ersticken. Das Ungeschehbare fängt an, sich
zu vollziehen; Beklemmung, Atemnot
verkehren sich. Im strahlenden Schwarz folgt
ein unendliches Ausdehnen, ohne Körper kann
man wahrhaftig heimkehren. So wie aus einer Schar von
Vögeln sich das Schwärmen löst, sich aus der größt-
möglichen Verdichtung das Gedicht hervorwindet
und Vers wird, so wie in Erde, so wie Luft.

Anna Enquist - Ein neuer Abschied

Freitag, 11. Februar 2011

Tränenmeer

Was brennt das Meer
wie eigene Tränen mir
heiß und feurig
selbst in den kleinsten Winkeln.

Was kühlt das Meer
wie deine Tränen mir
schmerzend
die noch unbedeckten Wunden.

War es stets in mir
dies Tränenmeer?

NHF - 2010

Sonntag, 30. Januar 2011

Sarah Kirsch - Fremder

Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Sonntag, 23. Januar 2011

ein rot



ein rot fiel vom himmel es war klein und leicht und schmiegte sich an eine häuserwand - dort geriet es in vergessenheit

NHF - 2011

Dienstag, 18. Januar 2011

Buchvorstellung 08 - Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen


Klein aber fein. Eine meiner Lieblingserzählungen.
Aus der Beschreibung: "Giono erzählt von einem alten Menschen, dem provenzalischen Hirten Elźeard Bouffier, der unbeirrbar Tag für Tag, Jahr für Jahr, völlig allein und ohne Auftrag, Zehntausende von Eicheln in den dürren Boden des Hochlandes seiner Heimat versenkte. In wenigen Jahrzehnten wuchsen Bäume, entstanden weite Wälder. Und damit kehrte wieder Leben in die Einöde zurück."
"Damit der Charakter eines Menschen wahrhaft außergewöhnliche Qualitäten offenbare, muß man das Glück haben, seine Tätigkeit während vieler Jahre beobachten zu können. Und wenn diese Tun frei ist von jeglichem Eigennutz und die ihn leitende Idee von beispiellosem Edelmut, wenn ferner sicher feststeht, daß er nirgendswoher Dankerwartet, und wenn er zu dem allem auf der Welt sichtbare Spuren hinterließ, dann hat man unfehlbar einen unvergeßlichen Charakter vor sich."
Jean Giono - Der Mann mit den Bäumen (Flamberg-Verlag)

Montag, 10. Januar 2011

Die Materie ...

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien ...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Alberto Caeiro/Fernando Pessoa - Poesie - Verstreute Gedichte

Mittwoch, 5. Januar 2011

In der Nacht

Ist es dunkel im Meer
in der Nacht?
Sterne funkeln
hoch oben
und tief, tief unten.

NHF - 2010

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Kafka - In der Strafkolonie

"..."Kennt er sein Urteil?" "Nein", sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fort fahren, aber der Reisende unterbrach ihn. "Er kennt sein eigenes Urteil nicht?" "Nein", sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage und sagte dann:"Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." ..."
Franz Kafka - In der Strafkolonie


Drahtobjekt/Bild von Martin Senn.

"Durch Zufall" bin ich auf die Drahtobjekte von Martin Senn aufmerksam geworden. Die Darstellung des eigentümlichen Apparates aus der Erzählung "In der Strafkolonie" finde ich überaus gelungen. Weitere Umsetzungen aus anderen anderen Erzählungen von Kafka, so z.B. "Der Hungerkünstler" finden sich unter dem oben angegebenen Link.

Samstag, 25. Dezember 2010

Im Knacks ...

"Im Knacks schlägt sich eine Erfahrung nieder, die amorph besteht, aber nicht als Gegenstand erkannt wird. Will man die Bauprinzipien, nach denen sich Persönlichkeiten bilden - also diese Kette von Ereignissen, aus der man die Plausibilität des Charakters ableitet und diesen auch entschuldigt - , verlassen, kommt man auf die andere Seite. Dann entdeckt man die Unmerklichkeit von Prozessen des Übergangs, der Disqualifizierung, des Nicht-mehr-Seins, des Lebensentzugs, des Brechens, der Enttäuschung, des Maschine-Werdens oder der gestörten Effiziens - man muss den Blick ändern, um zu bemerken, wie aus dem Nicht-Ich diese Ich heraustritt, sich durch all dieses Unpersönliche hindurch rettet. ..."

Roger Willemsen - Der Knacks

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Es wäre still zu dieser Zeit

Es wäre still zu dieser Zeit
die Schneeflocken schluckten alle Geräusche
und bärgen sie in ihren Zwischenräumen.

Unten der Weihnachtsmarkt
Gewimmel in den Gassen
Buden, Lichter, Kramgesichter
mittendrin der größte Weihnachtsbaum, steif und starr.

Es hockte ein echter Engel auf seiner Spitze
und blickt auf den Penner am Parkhauseingang
mittendrin sitzt dieser, zusammen gesackt
es fehlen im Socken, Handschuhe, Schal und Mütze,
rot vor Kälte seine Haut.

Es wäre still zu dieser Zeit
und der Engel würde sich hinab stürzen wollen vor Scham.

2010 - NHF

Anmerkung: Leider bin ich nicht dazu gekommen selbst ein Bild des "größten Weihnachtsbaumes" zu schießen, da ich, wie man sich denken kann, nicht gerade ein Freund von Weihnachtsmärkten oder sonstigem Gedränge bin. Aber hier derweil ein kleiner Eindruck zum Ort des Geschehens.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Charles Bukowski - Manche Leute

Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.

Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.

Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.

Charles Bukowski - Flinke Killer

-> siehe auch mein Ölbild zu Charles Bukowski (dieser links im Bild)

Freitag, 3. Dezember 2010

Variationen von Grau

Stille liegt auf dem Granit der Stadt
Platanengeäst filtert das herbstliche Sonnenlicht
Im Hell und Dunkel trippeln Tauben umher.

2010 - NHF

Montag, 29. November 2010

Cesare Pavese - Dichtung ...

"Dichtung tut nichts anderes, als dem Leben unsterbliches Dasein zu verleihen, und darum sind sie, die Werke der Dichtkunst, das Konzentrat von Zeitaltern, die darin lebendig aufbewahrt sind: lebendig, das ist das große Wort, das ich unter viel Mühe und häufigem Verzagen gefunden habe."
Cesare Pavese - Ein Leben im Spiegel der Briefe (1925-1935)

Samstag, 20. November 2010

Buchvorstellung 07 - Gunter Geltinger: Mensch Engel


Manchmal streife ich einfach durch die Bibliothek und nehme das eine oder andere Buch, das mir aus irgendeinem Grund auffällt in die Hand. So auch geschehen bei diesem Buch, worüber ich sehr froh bin, denn seit langem einmal wieder war ich richtig gepackt und etwas wehmütig als ich das Buch dann ausgelesen hatte.
Fasziniert hat mich zum einen die Sprache, die verschiedenen Ebenen, die sich immer wieder umkreisen, aber letztlich am meisten die Hauptfigur Engel und ihr innewohnender Schmerz; der Versuch des Ankommens in der Welt (so mit meinen Worten), des Seins innerhalb (s)einer Biografie, der letztlich sowohl gelingt als auch scheitert - ja nachdem, was man unter Biografie so verstehen mag. Ähnlich ist es mit einer Beschreibung hier - was sagt sie letztlich aus? - also am besten selber lesen und auf sich wirken lassen.
"...einfach hinterher und hinein in eine neues, anderes, vielleicht besseres Leben, in eine neue, andere, bessere, von ihm, Engel, mit weniger Fluchtversuchen und Trennungsszenen und Redeboykotten, dafür mit mehr Herzenswärme und Mitgefühl und Aufmerksamkeit gelebte so genannte Liebesbeziehung, in de rich Liebe, denkt er, dieses heikle, unhaltbare, immer nur im Konjunktiv, also in der Möglichkeitsform zu denkende, zu schreibende, zu fühlende Wort frei aussprechen und nicht nur aussprechen, sondern tatsächlich auch leben könnte als Folge und Ausdruck einer selbsterklärenden, sich selbst ernährenden Liebesbeziehung, in der ich Herzenswärme nicht empfände, sondern empfinde, Mitgefühl nicht hätte, sondern habe, Aufmerksamkeit nicht entgegenbrächte, sondern -bringe, in der ich sogar das Geschirr abräume und die Lichter hinter mir ausknipse und die Blumen gieße, nicht gösse."
Und hier noch der Link zur Literarischen Woche Bremen, wo einige Interviews/Podcasts mit Herrn Geltinger zu finden sind (siehe Ausgabe 4,5 und 6).

Freitag, 5. November 2010

kopftraumalose

sie ziehen entlang an bordsteinkanten
in deren dreckdurchzogenen furchen sie neue spuren sehen

rote blätter rauschen
der himmel kalt und klar

im rinnsteingitter klebt der tagesteil
als feuchte druckerschwärze

menschen ohne kopf gesehen
auf einer zeile klein dem abgrund nah

kopftraumalose
rennen nun wo andere stehn

menschen ohne kopf gesehen
die roten Blätter rauschen

manch schatten gleitet unbemerkt einher
in einer welt die wogt und bebt und hin und her

kopftraumaloses gedankenmeer

NHF - 2002/2010

Mittwoch, 3. November 2010

Arno Grün ...

zitiert Henry Miller:
"Wir sind so ‚gesund‘, daß, würden wir uns selbst auf der Straße begegnen, wir uns nicht erkennen würden, weil uns ein Selbst gegenübersteht, das uns Angst macht."
Arno Grün - Der Fremde in uns