Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
Sarah Kirsch - Luftspringerin
Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
"Damit der Charakter eines Menschen wahrhaft außergewöhnliche Qualitäten offenbare, muß man das Glück haben, seine Tätigkeit während vieler Jahre beobachten zu können. Und wenn diese Tun frei ist von jeglichem Eigennutz und die ihn leitende Idee von beispiellosem Edelmut, wenn ferner sicher feststeht, daß er nirgendswoher Dankerwartet, und wenn er zu dem allem auf der Welt sichtbare Spuren hinterließ, dann hat man unfehlbar einen unvergeßlichen Charakter vor sich."
"..."Kennt er sein Urteil?" "Nein", sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fort fahren, aber der Reisende unterbrach ihn. "Er kennt sein eigenes Urteil nicht?" "Nein", sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage und sagte dann:"Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." ..."
"Im Knacks schlägt sich eine Erfahrung nieder, die amorph besteht, aber nicht als Gegenstand erkannt wird. Will man die Bauprinzipien, nach denen sich Persönlichkeiten bilden - also diese Kette von Ereignissen, aus der man die Plausibilität des Charakters ableitet und diesen auch entschuldigt - , verlassen, kommt man auf die andere Seite. Dann entdeckt man die Unmerklichkeit von Prozessen des Übergangs, der Disqualifizierung, des Nicht-mehr-Seins, des Lebensentzugs, des Brechens, der Enttäuschung, des Maschine-Werdens oder der gestörten Effiziens - man muss den Blick ändern, um zu bemerken, wie aus dem Nicht-Ich diese Ich heraustritt, sich durch all dieses Unpersönliche hindurch rettet. ..."
Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.
Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.
Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.
"Dichtung tut nichts anderes, als dem Leben unsterbliches Dasein zu verleihen, und darum sind sie, die Werke der Dichtkunst, das Konzentrat von Zeitaltern, die darin lebendig aufbewahrt sind: lebendig, das ist das große Wort, das ich unter viel Mühe und häufigem Verzagen gefunden habe."
"...einfach hinterher und hinein in eine neues, anderes, vielleicht besseres Leben, in eine neue, andere, bessere, von ihm, Engel, mit weniger Fluchtversuchen und Trennungsszenen und Redeboykotten, dafür mit mehr Herzenswärme und Mitgefühl und Aufmerksamkeit gelebte so genannte Liebesbeziehung, in de rich Liebe, denkt er, dieses heikle, unhaltbare, immer nur im Konjunktiv, also in der Möglichkeitsform zu denkende, zu schreibende, zu fühlende Wort frei aussprechen und nicht nur aussprechen, sondern tatsächlich auch leben könnte als Folge und Ausdruck einer selbsterklärenden, sich selbst ernährenden Liebesbeziehung, in der ich Herzenswärme nicht empfände, sondern empfinde, Mitgefühl nicht hätte, sondern habe, Aufmerksamkeit nicht entgegenbrächte, sondern -bringe, in der ich sogar das Geschirr abräume und die Lichter hinter mir ausknipse und die Blumen gieße, nicht gösse."Und hier noch der Link zur Literarischen Woche Bremen, wo einige Interviews/Podcasts mit Herrn Geltinger zu finden sind (siehe Ausgabe 4,5 und 6).
"Wir sind so ‚gesund‘, daß, würden wir uns selbst auf der Straße begegnen, wir uns nicht erkennen würden, weil uns ein Selbst gegenübersteht, das uns Angst macht."
"Was die meisten Menschen sagen was sie sehen, beunruhigt mich, denn ich kann es nicht sehen. Und es beunruhigt mich noch mehr, dass sie genau Bescheid darüber zu wissen scheinen, was sie sehen; und dass dies die Realität sei, auf der die menschliche Welt aufgebaut ist." (S.22)
"Mondhäutchen auf dem gespannten Vormittagsblau."(S.38)
"Die Sonne in der Farbe eines Brathuhns, bei Brandwolkenkrusten, in den Horizont gedreht; da fließt buttergelbes zerlassenes Licht." (S.69)
"Heute frage ich mich, ob es einen einzigen Fisch gibt, der gestorben ist, weil er alt war und nicht weiter wollte. Und wie geht das vor sich, wenn ein Fisch nach Art der Fische stirbt? Sucht er dann den Grund des Meeres auf und legt sich nieder? Oder Wie? Ich bin sicher, es gibt keinen einzigen Fisch, in allen Meeren nicht, der wie ein Fisch gestorben ist. Sie wissen nicht einmal, daß sie immer nur von einem Tag zum anderen leben. Deswegen sehen sie auch als Tote so hellwach und alarmiert aus. Auch jetzt wieder! Die offenen Kiemen! Die aufgerissenen Augen! Die schnappend geöffneten Lippen!"
"Wenn ich an mich zurückdenke, sehe ich nicht ein Ich. Ich sehe viele. Manchmal bin ich erstaunt über ein bestimmtes Ich, das ich offenbare. Wir sind nicht immer ein einziges Ich. Wir machen keine Evolution durch, die immer hübsch vorwärts- und aufwärtsgeht. Es geht im Zickzack, auf und ab."