Sonntag, 30. Januar 2011

Sarah Kirsch - Fremder

Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Sonntag, 23. Januar 2011

ein rot



ein rot fiel vom himmel es war klein und leicht und schmiegte sich an eine häuserwand - dort geriet es in vergessenheit

NHF - 2011

Dienstag, 18. Januar 2011

Buchvorstellung 08 - Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen


Klein aber fein. Eine meiner Lieblingserzählungen.
Aus der Beschreibung: "Giono erzählt von einem alten Menschen, dem provenzalischen Hirten Elźeard Bouffier, der unbeirrbar Tag für Tag, Jahr für Jahr, völlig allein und ohne Auftrag, Zehntausende von Eicheln in den dürren Boden des Hochlandes seiner Heimat versenkte. In wenigen Jahrzehnten wuchsen Bäume, entstanden weite Wälder. Und damit kehrte wieder Leben in die Einöde zurück."
"Damit der Charakter eines Menschen wahrhaft außergewöhnliche Qualitäten offenbare, muß man das Glück haben, seine Tätigkeit während vieler Jahre beobachten zu können. Und wenn diese Tun frei ist von jeglichem Eigennutz und die ihn leitende Idee von beispiellosem Edelmut, wenn ferner sicher feststeht, daß er nirgendswoher Dankerwartet, und wenn er zu dem allem auf der Welt sichtbare Spuren hinterließ, dann hat man unfehlbar einen unvergeßlichen Charakter vor sich."
Jean Giono - Der Mann mit den Bäumen (Flamberg-Verlag)

Montag, 10. Januar 2011

Die Materie ...

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien ...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Alberto Caeiro/Fernando Pessoa - Poesie - Verstreute Gedichte

Mittwoch, 5. Januar 2011

In der Nacht

Ist es dunkel im Meer
in der Nacht?
Sterne funkeln
hoch oben
und tief, tief unten.

NHF - 2010

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Kafka - In der Strafkolonie

"..."Kennt er sein Urteil?" "Nein", sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fort fahren, aber der Reisende unterbrach ihn. "Er kennt sein eigenes Urteil nicht?" "Nein", sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage und sagte dann:"Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." ..."
Franz Kafka - In der Strafkolonie


Drahtobjekt/Bild von Martin Senn.

"Durch Zufall" bin ich auf die Drahtobjekte von Martin Senn aufmerksam geworden. Die Darstellung des eigentümlichen Apparates aus der Erzählung "In der Strafkolonie" finde ich überaus gelungen. Weitere Umsetzungen aus anderen anderen Erzählungen von Kafka, so z.B. "Der Hungerkünstler" finden sich unter dem oben angegebenen Link.

Samstag, 25. Dezember 2010

Im Knacks ...

"Im Knacks schlägt sich eine Erfahrung nieder, die amorph besteht, aber nicht als Gegenstand erkannt wird. Will man die Bauprinzipien, nach denen sich Persönlichkeiten bilden - also diese Kette von Ereignissen, aus der man die Plausibilität des Charakters ableitet und diesen auch entschuldigt - , verlassen, kommt man auf die andere Seite. Dann entdeckt man die Unmerklichkeit von Prozessen des Übergangs, der Disqualifizierung, des Nicht-mehr-Seins, des Lebensentzugs, des Brechens, der Enttäuschung, des Maschine-Werdens oder der gestörten Effiziens - man muss den Blick ändern, um zu bemerken, wie aus dem Nicht-Ich diese Ich heraustritt, sich durch all dieses Unpersönliche hindurch rettet. ..."

Roger Willemsen - Der Knacks

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Es wäre still zu dieser Zeit

Es wäre still zu dieser Zeit
die Schneeflocken schluckten alle Geräusche
und bärgen sie in ihren Zwischenräumen.

Unten der Weihnachtsmarkt
Gewimmel in den Gassen
Buden, Lichter, Kramgesichter
mittendrin der größte Weihnachtsbaum, steif und starr.

Es hockte ein echter Engel auf seiner Spitze
und blickt auf den Penner am Parkhauseingang
mittendrin sitzt dieser, zusammen gesackt
es fehlen im Socken, Handschuhe, Schal und Mütze,
rot vor Kälte seine Haut.

Es wäre still zu dieser Zeit
und der Engel würde sich hinab stürzen wollen vor Scham.

2010 - NHF

Anmerkung: Leider bin ich nicht dazu gekommen selbst ein Bild des "größten Weihnachtsbaumes" zu schießen, da ich, wie man sich denken kann, nicht gerade ein Freund von Weihnachtsmärkten oder sonstigem Gedränge bin. Aber hier derweil ein kleiner Eindruck zum Ort des Geschehens.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Charles Bukowski - Manche Leute

Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.

Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.

Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.

Charles Bukowski - Flinke Killer

-> siehe auch mein Ölbild zu Charles Bukowski (dieser links im Bild)

Freitag, 3. Dezember 2010

Variationen von Grau

Stille liegt auf dem Granit der Stadt
Platanengeäst filtert das herbstliche Sonnenlicht
Im Hell und Dunkel trippeln Tauben umher.

2010 - NHF

Montag, 29. November 2010

Cesare Pavese - Dichtung ...

"Dichtung tut nichts anderes, als dem Leben unsterbliches Dasein zu verleihen, und darum sind sie, die Werke der Dichtkunst, das Konzentrat von Zeitaltern, die darin lebendig aufbewahrt sind: lebendig, das ist das große Wort, das ich unter viel Mühe und häufigem Verzagen gefunden habe."
Cesare Pavese - Ein Leben im Spiegel der Briefe (1925-1935)

Samstag, 20. November 2010

Buchvorstellung 07 - Gunter Geltinger: Mensch Engel


Manchmal streife ich einfach durch die Bibliothek und nehme das eine oder andere Buch, das mir aus irgendeinem Grund auffällt in die Hand. So auch geschehen bei diesem Buch, worüber ich sehr froh bin, denn seit langem einmal wieder war ich richtig gepackt und etwas wehmütig als ich das Buch dann ausgelesen hatte.
Fasziniert hat mich zum einen die Sprache, die verschiedenen Ebenen, die sich immer wieder umkreisen, aber letztlich am meisten die Hauptfigur Engel und ihr innewohnender Schmerz; der Versuch des Ankommens in der Welt (so mit meinen Worten), des Seins innerhalb (s)einer Biografie, der letztlich sowohl gelingt als auch scheitert - ja nachdem, was man unter Biografie so verstehen mag. Ähnlich ist es mit einer Beschreibung hier - was sagt sie letztlich aus? - also am besten selber lesen und auf sich wirken lassen.
"...einfach hinterher und hinein in eine neues, anderes, vielleicht besseres Leben, in eine neue, andere, bessere, von ihm, Engel, mit weniger Fluchtversuchen und Trennungsszenen und Redeboykotten, dafür mit mehr Herzenswärme und Mitgefühl und Aufmerksamkeit gelebte so genannte Liebesbeziehung, in de rich Liebe, denkt er, dieses heikle, unhaltbare, immer nur im Konjunktiv, also in der Möglichkeitsform zu denkende, zu schreibende, zu fühlende Wort frei aussprechen und nicht nur aussprechen, sondern tatsächlich auch leben könnte als Folge und Ausdruck einer selbsterklärenden, sich selbst ernährenden Liebesbeziehung, in der ich Herzenswärme nicht empfände, sondern empfinde, Mitgefühl nicht hätte, sondern habe, Aufmerksamkeit nicht entgegenbrächte, sondern -bringe, in der ich sogar das Geschirr abräume und die Lichter hinter mir ausknipse und die Blumen gieße, nicht gösse."
Und hier noch der Link zur Literarischen Woche Bremen, wo einige Interviews/Podcasts mit Herrn Geltinger zu finden sind (siehe Ausgabe 4,5 und 6).

Freitag, 5. November 2010

kopftraumalose

sie ziehen entlang an bordsteinkanten
in deren dreckdurchzogenen furchen sie neue spuren sehen

rote blätter rauschen
der himmel kalt und klar

im rinnsteingitter klebt der tagesteil
als feuchte druckerschwärze

menschen ohne kopf gesehen
auf einer zeile klein dem abgrund nah

kopftraumalose
rennen nun wo andere stehn

menschen ohne kopf gesehen
die roten Blätter rauschen

manch schatten gleitet unbemerkt einher
in einer welt die wogt und bebt und hin und her

kopftraumaloses gedankenmeer

NHF - 2002/2010

Mittwoch, 3. November 2010

Arno Grün ...

zitiert Henry Miller:
"Wir sind so ‚gesund‘, daß, würden wir uns selbst auf der Straße begegnen, wir uns nicht erkennen würden, weil uns ein Selbst gegenübersteht, das uns Angst macht."
Arno Grün - Der Fremde in uns

Sonntag, 31. Oktober 2010

Wrackteile

flügel auf den wellen
auf und ab
gelber flügel aus metall
kleiner doppeldecker
propellersurrend abgeschmiert
voran ins seichte blau

grüne wasserschnecken
über ANNABELL her ziehen
fest angeschnallt noch der pilot
erstarrte linien im gesicht
hauch von purpurrot
augen ohne widerhall im tod

der zweite sitz blieb unbesetzt
kein copilot anbei und
um das wrack herum
weiße blätter fliegen
massiges gemetzel
letzter liebelei

NHF-2003

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Buchvorstellung 06 - C. W. Aigner: Logik der Wolken


Wie mag man den Inhalt dieses Buches beschreiben - als mehr oder wenig komplexe Prosaskizzen - zwischen inneren Gedanken und Weltbeschreibung?
Ich nehme das Buch immer wieder gerne zur Hand um ein bisschen zu träumen, zu denken, abzuschweifen...
"Was die meisten Menschen sagen was sie sehen, beunruhigt mich, denn ich kann es nicht sehen. Und es beunruhigt mich noch mehr, dass sie genau Bescheid darüber zu wissen scheinen, was sie sehen; und dass dies die Realität sei, auf der die menschliche Welt aufgebaut ist." (S.22)

"Mondhäutchen auf dem gespannten Vormittagsblau."(S.38)

"Die Sonne in der Farbe eines Brathuhns, bei Brandwolkenkrusten, in den Horizont gedreht; da fließt buttergelbes zerlassenes Licht." (S.69) 
Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Donnerstag, 21. Oktober 2010

...Fische

"Heute frage ich mich, ob es einen einzigen Fisch gibt, der gestorben ist, weil er alt war und nicht weiter wollte. Und wie geht das vor sich, wenn ein Fisch nach Art der Fische stirbt? Sucht er dann den Grund des Meeres auf und legt sich nieder? Oder Wie? Ich bin sicher, es gibt keinen einzigen Fisch, in allen Meeren nicht, der wie ein Fisch gestorben ist. Sie wissen nicht einmal, daß sie immer nur von einem Tag zum anderen leben. Deswegen sehen sie auch als Tote so hellwach und alarmiert aus. Auch jetzt wieder! Die offenen Kiemen! Die aufgerissenen Augen! Die schnappend geöffneten Lippen!"
Wilhelm Genazino - Die Obdachlosigkeit der Fische

Vielleicht ist es auch deswegen so schön und befriedigend Fische zu malen. Hier der Link zu einer meiner Fischzeiten.

Samstag, 16. Oktober 2010

Entfernungen

Spätherbst - Sonne auf den Stühlen und Tischen des Cafés.
Eine Frau in rotem Blazer geht langsam mit ihrem Hund vorbei.
Handtasche unter die Schulter geklemmt, aufrechte Haltung, die grauen Haare in gepflegter Frisur stoppt sie an dem runden Mülleimer neben dem Café.
Langsam beugt sie sich hinunter - ihre Beute: eine Plastikflasche mit einem Rest Cola, der Schraubverschluss dick mit gelbem Senf ummantelt.
Kurz begutachtet die Frau die Flasche, dreht sie in den Händen, richtet sich auf, streicht sich dann mit einer Hand den Rock glatt und geht mit zügigen Schritten weiter zum nächsten Mülleimer.
Ihr Hund tänzelt und wedelt mit dem Schwanz.

2010-NHF

Montag, 11. Oktober 2010

...im Zickzack

"Wenn ich an mich zurückdenke, sehe ich nicht ein Ich. Ich sehe viele. Manchmal bin ich erstaunt über ein bestimmtes Ich, das ich offenbare. Wir sind nicht immer ein einziges Ich. Wir machen keine Evolution durch, die immer hübsch vorwärts- und aufwärtsgeht. Es geht im Zickzack, auf und ab."
Henry Miller - Mein Leben und meine Welt

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ich träumte


Ich träumte
Teil eines Bootes zu sein
Tief in den Planken
ein kleiner Nagel
Backbord am Bug

Sommersprossenrostig
ich die Welt anblicke
nah am Wasser
nah am Innern

Salz auf mir krustet
Blut an mir trocknet
Algen mich kitzeln

Am Strand tippeln die Möwen umher
eine pickte nach mir

2005-NHF