"Es ist nicht die Zeit für Ich – Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."
Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein
"Es ist nicht die Zeit für Ich – Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
"Einmal im Monat spülen die Mönche die Druckstöcke … Allerdings schmutzig sind nicht die Hölzer, verunreinigt ist die Tinte.Bevor sie auf Papier kam, war sie frei vom Schmutz der Form. War ohne Linien, ohne Grenzen. War rein wie die Rede der Gottheit. War Schau des Tausendfältigen."
"Ekphrasis ist der Terminus, den die klassische Rhetorik für diese Verbindung aus Worten und Bildern reserviert hat, einen Zustand der Nachahmung, den der Dichter und Kritiker John Hollander >>Mimesis der Mimesis<< nennt. Es gibt zwei grundlegende Modi der Ekphrasis, und Proust setzt beide ein. Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imginären Kunstwerks. [...] Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasiekonstrukt, erdacht von Marcel Proust. Tatsächliche Ekphrasis meint die Evozierung eines existierenden Kunstwerks." (S.20)
fahrplan-anordnung nr. 587 der generaldirektion der ostbahn vom 15. september 1942: >>sonderzüge für umsiedler<<
9228 von sedzszwo nach treblinka
9229 leerzug
9230 von szydlowiec nach treblinka
9231 leerzug
9232 von sydlowiec nach treblinka
9233 leerzug
9234 von kosienice nach treblinka
9235 leerzug
"Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte."
"Im neuen Heim gibt es Zweibettzimmer und in jedem Zimmer hängt ein Spiegel. Auch in den Waschräumen gibt es sie. Das ist Lysander neu, sich in dieser Größe und Schärfe und Deutlichkeit zu betrachten. Nicht wegen dir gibt es hier keine Spiegel, hatte ihm eine der Frauen aus dem ersten Heim erklärt, sobald er alt genug war. Er hatte sie nicht danach gefragt. Sondern wegen Gott, hatte sie gesagt. Mag Gott keine Spiegel?, fragte Lysander? Gott ist egal, wie die Menschen aussehen, er liebt jedes Kind, hatte die Frau geantwortet. Und als er sechs war und lesen konnte, da las er es jeden Tag, dreimal, so wie er jetzt das erste Mal vor einem Spiegel steht und zittert, weil dieses gestochen scharfe Bild seines Gesichts, seines Körpers, strahlend hell, ihm die Kälte durch den Leib peitscht. ..."
"Ich gehe beim Schreiben nicht über meine Arbeit, wie es der peinlich sorgfältige Fraenkel mit seinen Zeichnungen tut, sondern ich erobere immer wieder neuen Boden, bis ich die Ebene des exakten Ausdrucks erreicht habe; ich lasse alles Tasten und Probieren sein, führe es aber in einer Art spiralförmiger Umschreibung aufwärts, bis es zu einem soliden Unterbau oder einem Gerüst geworden ist, je nachdem. Und dies ist, fällt mir auf, genau das Ritual des Lebens, wie es ein Mensch praktiziert, der sich entwickelt. Er kehrt, bildlich gesprochen, nicht zurück, um seine Irrtümer und Fehler zu korrigieren; er transponiert sie, konvertiert sie zu Tugenden. Er macht Flügel aus seinen toten Larvenhüllen."
"Eingegossen und eingeschlossen in den Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, daß sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, daß es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem anderen wirklich zugehört? Ihn mit seinem Worten in mich hineingelassen, so daß mein innerer Strom umgeleitet worden wäre?"
Gott hat verborgen sein Gesicht
Alle Wege haben zum Tod geführt,
alle Wege.
Alle Winde haben Verrat geatmet,
alle Winde.
Auf allen Schwellen haben böse Hunde gebellt,
auf allen Schwellen.
Alle Wasser haben über uns gelacht,
alle Wasser.
Alle Nächte wurden fett von unserem Schrecken,
alle Nächte.
Und die Himmel waren kahl und leer,
alle Himmel.
"Und ich befürchte keineswegs, mir zu widersprechen, denn ich weiß, daß die Widersprüche nur das Gestammel, eine Sprache darstellen, die ihren Gegenstand noch nicht zu erfassen vermag. Ein jeder, der Widerspruch fürchtet und logisch bleibt, tötet in sich das Leben (ein jeder, der nicht den schmerzhaften Versuch macht, diese Wachstumskrankheit zu überwinden; ein jeder, der es ablehnt Geburtshelfer zu sein), ein jeder, der in seinem Inneren das dunkle Werden fürchtet, das ihn mit dem Weltall verbindet – einem Weltall, das sich noch nicht formulieren läßt, da ja die beschränkte Sprache es nur tastend erfassen kann, wobei sie hier ein Stück Wand, dort eine Kante, dort einen Sockel, nicht aber die mächtige Kathedrale entdeckt, die mehr ist als die Stoffe – ein jeder, der nur die Formel sucht, nur das Formulierbare verwendet, ist bereits ein Toter."
"Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität."