Montag, 16. August 2010

Ich - Geschichten

"Es ist nicht die Zeit für Ich – Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."
Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein

Donnerstag, 5. August 2010

ohne stimme

ohne stimme
durch die welt zu gehen
wörter rieselnd ohne klang
fad von ort zu ort zu ziehen
menschenmassenwahn

ohne stimme
kopfgesang
schwillt und rauscht
wie ein orkan
über allem wehend

sinnenfragenlahm

ohne stimme
leben voller überdruss
und stets doch wartend
es ist ein muss

ohne stimme
welch genuss
jedes echo wird zum
schmerzesgruss

NHF-2002/2010

Montag, 2. August 2010

Rainer Maria Rilke - Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Und heute mal eines meiner Lieblingsgedichte und eines meiner Lieblingsfotos von Rilke.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Rainer Maria Rilke

Freitag, 30. Juli 2010

schwarzes flüstern

schwarzes flüstern
durch die nacht hin schleicht

kühle nacht
gefercht um raum und zeit

das schwarz wird leiser
der wind trägt es nicht

eine stimme schwach und heiser
sich sehnend ins licht

kein schweben mehr
nur schwarz

das schwarz verdeckt die sicht
kein licht mehr

nur ein flüstern noch
kein ich

NHF-2002/2010

Montag, 26. Juli 2010

... frei vom Schmutz der Form

"Einmal im Monat spülen die Mönche die Druckstöcke … Allerdings schmutzig sind nicht die Hölzer, verunreinigt ist die Tinte.Bevor sie auf Papier kam, war sie frei vom Schmutz der Form. War ohne Linien, ohne Grenzen. War rein wie die Rede der Gottheit. War Schau des Tausendfältigen."
Dimitri Ladischensky – Mare No.37

Freitag, 23. Juli 2010

schenkt mit ein blau

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im weichenden dunst des morgens
trübe und milchig sich wiegend
von träumen gesättigt

schenkt mir ein blau

das blau des meeres zum sonnenaufgang
klar und schimmernd
auf dem gerippten kalk der muscheln spielend
und das blau des meeres im heißen mittagswind
dunkel und kräftig unter gekräuselter oberfläche
fraktale welten gebärend

schenkt mir ein blau

das blau des meeres am bewölkten nachmittag
zweigesichtig - nach unten voll fülle
nach oben den himmel abbildend
und das blau des meeres am abend
durchwirkt vom grün der algenwälder
wenn gischtkronenwellen dem strand zuschlagen

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im dunkel der nacht
ruhig fast schwarz
vom licht der sterne geschmückt

NHF-2003

Dienstag, 20. Juli 2010

Buchvorstelllung 03 - Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit


Dies Buch ist ganz frisch auf dem Markt. Als ich davon gehört habe war mein erster Gedanke: Wieso ist nicht schon eher jemand darauf gekommen? Worum es geht: Alle Gemälde, die Marcel Proust in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" benannt hat, werden, zusammen mit der betreffenden Textstelle aufgeführt. Ein besonderer Leckerbissen also, wenn ich mir den Band auch gerne in einem größeren Format, bei dem die Bilder noch besser zur Geltung kommen könnten, anschauen würde. Und man lernt nie aus:

"Ekphrasis ist der Terminus, den die klassische Rhetorik für diese Verbindung aus Worten und Bildern reserviert hat, einen Zustand der Nachahmung, den der Dichter und Kritiker John Hollander >>Mimesis der Mimesis<< nennt. Es gibt zwei grundlegende Modi der Ekphrasis, und Proust setzt beide ein. Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imginären Kunstwerks. [...] Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasiekonstrukt, erdacht von Marcel Proust. Tatsächliche Ekphrasis meint die Evozierung eines existierenden Kunstwerks." (S.20)


James Abbott McNeill Whistler, Zwielicht in Opal:Trouville, 1865 (S.120/121) aus: Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde der Verlorenen Zeit

Montag, 19. Juli 2010

sonderzüge für umsiedler

fahrplan-anordnung nr. 587 der generaldirektion der ostbahn vom 15. september 1942: >>sonderzüge für umsiedler<<

9228 von sedzszwo nach treblinka
9229 leerzug
9230 von szydlowiec nach treblinka
9231 leerzug
9232 von sydlowiec nach treblinka
9233 leerzug
9234 von kosienice nach treblinka
9235 leerzug
epitaph (3). 1986
Heimrad Bäcker - aus: Visuelle Poesie

Mittwoch, 14. Juli 2010

stumme zeugen

auf hölzerner oberfläche
fahles sonnenlicht einfällt
in hell und dunkel dimensionierte welt
mancherorts
vereinzelt splitter
hoch aufgerichtet
gedankengitter
ein hauch menschlicher wärme zur rechten
weißes blatt anbei
die feder schwarz
fast eingetrocknet
tintenblutsspuren
krakelei
die schatten schreiten fort
stille fließt einher
das stück des lebens nicht bedacht
gedanke im raum ward unhaltbar
zartes gefühl leise verweht
das letzte wort kaum mehr belebt
auf hölzerner oberfläche
weißes blatt
verloren treibt umher
ein stuhl einsam nun im zeitenmeer
nur mancherorts
vereinzelt splitter
gleich stummen zeugen
aufrecht stehn

NHF-2003

Sonntag, 11. Juli 2010

Spiegelungen

"Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Donnerstag, 8. Juli 2010

Buchvorstelllung 02 - Bettina Gundermann - Lysander


Eines meiner Lieblingsbücher, das, glaube ich, leider gar nicht sehr bekannt ist. Aber dafür umso lesenswerter. Worum es geht? Um Freundschaft, um Liebe, um einen, den (mißgestalteten) Lysander, der versucht in die Welt zu gelangen, aus dem Verborgenen heraus zu kommen. Beeindruckt hat mich die Sprache; roh, direkt ohne platt zu wirken. Die Wörter haben Kraft, beschönigen nicht, immer am Rand des "gerade noch". Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen und werde es sicher auch noch öfter lesen. Auch die gebundene Ausgabe ist erschwinglich und es lohnt sich, sich diese zuzulegen.

"Im neuen Heim gibt es Zweibettzimmer und in jedem Zimmer hängt ein Spiegel. Auch in den Waschräumen gibt es sie. Das ist Lysander neu, sich in dieser Größe und Schärfe und Deutlichkeit zu betrachten. Nicht wegen dir gibt es hier keine Spiegel, hatte ihm eine der Frauen aus dem ersten Heim erklärt, sobald er alt genug war. Er hatte sie nicht danach gefragt. Sondern wegen Gott, hatte sie gesagt. Mag Gott keine Spiegel?, fragte Lysander? Gott ist egal, wie die Menschen aussehen, er liebt jedes Kind, hatte die Frau geantwortet. Und als er sechs war und lesen konnte, da las er es jeden Tag, dreimal, so wie er jetzt das erste Mal vor einem Spiegel steht und zittert, weil dieses gestochen scharfe Bild seines Gesichts, seines Körpers, strahlend hell, ihm die Kälte durch den Leib peitscht. ..."
Bettina Gundermann - Lysander

Freitag, 2. Juli 2010

Meeresschmerz

Das Meer ist traurig heute
seine Wasser dunkel
zwischen den Schichten von Blau
balancieren weiße Segel
ritzen mit ihren Spitzen den Himmel auf.

Fließt von dort der Schmerz ins Meer?

NHF-2005

Dienstag, 29. Juni 2010

... über das Schreiben

"Ich gehe beim Schreiben nicht über meine Arbeit, wie es der peinlich sorgfältige Fraenkel mit seinen Zeichnungen tut, sondern ich erobere immer wieder neuen Boden, bis ich die Ebene des exakten Ausdrucks erreicht habe; ich lasse alles Tasten und Probieren sein, führe es aber in einer Art spiralförmiger Umschreibung aufwärts, bis es zu einem soliden Unterbau oder einem Gerüst geworden ist, je nachdem. Und dies ist, fällt mir auf, genau das Ritual des Lebens, wie es ein Mensch praktiziert, der sich entwickelt. Er kehrt, bildlich gesprochen, nicht zurück, um seine Irrtümer und Fehler zu korrigieren; er transponiert sie, konvertiert sie zu Tugenden. Er macht Flügel aus seinen toten Larvenhüllen."
Henry Miller - Malen ist Lieben

Und hier geht es zu meinem Portrait von Henry Miller. Eine kleine Lobpreisung sozusagen. Ob es ihm gefallen würde?

Mittwoch, 23. Juni 2010

Portrait ...

eines Mannes
in vanilligem Strick
lässig
fortwährend
versteckt
auf der mit braunem Kunstleder
bezogenen Bank
leichte Brille
auf dominanter Nase
Silber im Haar
und hin und wieder
die Zigarette
im Mundwinkel
täuscht die Ruhe so wenig
nur die schlanken Hände
sagen mehr
so hält er sie dezent bedeckt

NHF-2002

Montag, 21. Juni 2010

Oxford: Just talking oder Über die Wirkung von Worten

"Eingegossen und eingeschlossen in den Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, daß sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, daß es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem anderen wirklich zugehört? Ihn mit seinem Worten in mich hineingelassen, so daß mein innerer Strom umgeleitet worden wäre?"
Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Freitag, 18. Juni 2010

Buchvorstellung 01 - Rajzel Zychlinski: di lider



So komme ich zu meiner ersten "Buchvorstellung", dies in Anführungsstrichen, da es sich vielmehr um die Vorstellung einer CD mit vertonten Gedichten von Rajzel Zychlinski (di Lider, Gedichte 1928-1991) handelt. Ich kannte die Autorin zuvor nicht und habe dies Kleinod sozusagen im vorbeigehen zu einem wirklich lächerlichen Preis erstanden, der mich ein bisschen beschämte.
Kurz gesagt ich finde die CD himmlisch; Musik und auch die Art des Gedichtvortrags ergeben ein stimmiges Ganzes und unterstreichen Tonart, Ausdruckskraft und Bildlichkeit der Gedichte sehr gut.

Gott hat verborgen sein Gesicht

Alle Wege haben zum Tod geführt,
alle Wege.
Alle Winde haben Verrat geatmet,
alle Winde.
Auf allen Schwellen haben böse Hunde gebellt,
auf allen Schwellen.
Alle Wasser haben über uns gelacht,
alle Wasser.
Alle Nächte wurden fett von unserem Schrecken,
alle Nächte.
Und die Himmel waren kahl und leer,
alle Himmel.
Rajzel Zychlinski

Dienstag, 15. Juni 2010

Portrait ...

einer Frau
auf Abwegen
am kalten Tisch
allein
Regen entlang der Scheiben
verzerrtes Gesicht
rote Lippen
leuchtend
vor weißem Tuch
eingeschnürt der Atem
wartend
ein Zittern im Haar
sie wechselt den Platz
dem Blick zu entgehen
an der Scheibe
gebrochen
roter Tupfer
auf leerem Grund
einer Frau
mit geschminktem Mund

NHF-2002

Donnerstag, 10. Juni 2010

... Widersprüche

"Und ich befürchte keineswegs, mir zu widersprechen, denn ich weiß, daß die Widersprüche nur das Gestammel, eine Sprache darstellen, die ihren Gegenstand noch nicht zu erfassen vermag. Ein jeder, der Widerspruch fürchtet und logisch bleibt, tötet in sich das Leben (ein jeder, der nicht den schmerzhaften Versuch macht, diese Wachstumskrankheit zu überwinden; ein jeder, der es ablehnt Geburtshelfer zu sein), ein jeder, der in seinem Inneren das dunkle Werden fürchtet, das ihn mit dem Weltall verbindet – einem Weltall, das sich noch nicht formulieren läßt, da ja die beschränkte Sprache es nur tastend erfassen kann, wobei sie hier ein Stück Wand, dort eine Kante, dort einen Sockel, nicht aber die mächtige Kathedrale entdeckt, die mehr ist als die Stoffe – ein jeder, der nur die Formel sucht, nur das Formulierbare verwendet, ist bereits ein Toter."
Antoine der Saint-Exupery - Carnets

Sonntag, 6. Juni 2010

das meer hängt an der wand

das meer hängt an der wand
und rauscht mir leise – gegenüber
am morgen grüße ich die möwen
und am abend schenke ich mir
einen schluck vom meer ins glas
dort schimmert es türkis und smaragdgrün
hält orangegoldene fischschuppen in der schwebe
zwischendurch schüttele ich das meer ein bisschen
und es gluckert dumpf wie eine flasche buttermilch
doch die meiste Zeit bin ich ganz still
beobachte wie das meer anthrazitfarbene wale wiegt
oder gehe in leuchtenden korallengärten spazieren
so grüßt mich mein meer
und flüstert vertraulich mir zu

NHF-2003

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sensibilität

"Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität." 
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe