Freitag, 15. März 2013

Buchvorstellung 14 - Ulla Lachauer - Magdalenas Blau

Untertitel: Das Leben einer blinden Gärtnerin.


Eines schönen Tages spazierte ich so durch meine Heimatstadt, hatte gerade eine weniger schöne zwischenmenschliche Erfahrung gemacht, war daher etwas melancholisch, und ging, um mich zu zerstreuen, in einen Oxfam Laden. Dort finde ich oft etwas, um meine Seele zu streicheln. Und neben einem kleinen Robert Walser, entdeckte ich dieses Buch. Wäre ich anderer Stimmung gewesen, hätte ich wohl nicht hinein geschaut aber so nahm ich es mit zur Kasse.

Und es ist eines der wenigen Bücher, der letzten Zeit, die mich wirklich gepackt haben, doch nachdem ich es ganz gelesen hatte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich es tatsächlich hier vorstellen mag, denn es gibt für mich einen Bruch im Buch, wie eine Art blinder Fleck und so froh es mich am Anfang gestimmt hat, so melancholisch wurde ich gegen Ende und konnte mir nicht genau erklären warum.
ABER letztlich passt genau dies zu der Geschichte (s.u.) und eigentlich ist es meiner Meinung nach gerade das, was ein gutes Buch mitunter ausmacht, wenn sich nämlich die, durch die Art und Weise der schriftstellerischen Darstellung hervor gerufene, jedoch nicht explizit benannten, Stimmungen und Gefühle, in einem selbst ausbreiten, die erzählte Geschichte in einem selbst lebendig wird und eine Eigendynamik entfaltet. Ja, sie sind gefährlich diese Bücher!

Doch worum geht es nun inhaltlich? Das Buch handelt von Magdalena Eglin (Pseudonym), die nur einen kleinen Sehrest hat und im Laufe ihres Lebens immer mehr erblindet.
Ihre Kindheit (geboren 1933), die Kriegsjahre, die Zeit der Ausbildung, wie sie ihren Mann kennen lernt und wie die beiden sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen, wie dann auch ihr Sohn geboren wird, der den gleichen erblich bedingten Sehfehler hat, wird von der Autorin Ulla Lachauer sehr anschaulich dargestellt.
In den Verlauf der Lebensgeschichte sind dabei Einschübe der "gegenwärtigen Zeit" von Januar bis Oktober (bis zur Herzoperation Eglins), in denen die Gärtnerin Eglin spricht und sich erinnert, eingefügt
Magdalena Eglin wirft sich geradezu ins Leben, manchmal drücken die Sorgen der Kriegsjahre und später der Alltagsforderungen, und dennoch ist es ein Buch voller Humor und großem Mut und einem noch größeren Willen an die Welt.
Die Geschichte von Magdalena Eglin lässt einen das Leben lieben, man will wild und ungezähmt sein, so wie sie es an vielen Stellen ist. Und wohl gerade weil die Hauptfigur mit den Augen schlecht sieht, ist es ein sehr visuelles Buch, es eröffnen sich andere Arten von "Welt-Sehen" und "Welt-Erfassen".

"Ich hatte ein Spiel erfunden, das ging so: Rein ins Münster, ins Dunkle, wieder raus auf den Markt, ins Helle. Wieder ins Dunkle, und wieder ins Helle. Helldunkelhelldunkelhelldunkel - das war eine Seligkeit für die Augen, besonders bei Hitze oder starkem Frost, wenn zwischen daußen und drinnen auch noch ein Temperaturunterschied war. Kühlwarm, kühlwarm, was war ein Gefühl auf der Haut, sie prickelte, und ich glaubte zu spüren, wie das Blut in den Adern fließt, am Handgelenk, da, wo der Puls ist, den die Lehrerin mir gezeigt hat. Helldunkel, kühlwarm." 

aus: Ulla Lachauer, Magdalenas Blau, S.50 (geb. Ausgabe)