Donnerstag, 22. September 2011

Oktober

Herbstlicht presst sich durch Platanenblätter
ein Rascheln wandert über graue Pflasterstilleinseln
in deren Hell und Dunkel dicke Tauben trippeln.

NHF - 2011

Anmerkung: dieses Gedicht fällt wohl, wie ich gerade feststelle, in die Rubrik: "unbewusst wieder aufgegriffen", siehe auch: Variationen von Grau)

Mittwoch, 7. September 2011

Tübinger Fundstücke


Seit kurzem habe ich eine neue Liebe - eine gefährliche Liebe - in Gestalt einer Stadt - nämlich Tübingen. Ich war schon öfter dort, auch als wir noch im Ruhrgebiet gewohnt haben, aber scheinbar immer zur falschen Jahreszeit und meist an Sonntagen. Als kalt und abweisend hatte ich Tübingen in Erinnerung und nun .... ich bin begeistert und besonders haben es mir die vielen, kleinen Antiquariate angetan. Ich versuche mich zu beherrschen, aber ... vergebens ...

So, hier also meine Neuzugänge (in der Reihenfolge ihrer Entdeckung):

- Siri Hustvedt - Being a Man - Essays
- Umberto Eco - Die Suche nach der vollkommenen Sprache
- Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee
- Portugiesische Briefe (übertragen von Rainer M. Rilke)
- Robert Walser - Der Spaziergang (Hörbuch)
- In irrer Gesellschaft - Verständigungstexte über Psychotherapie und Psychiatrie (mal ein "Sachbuch")
- Omar-i Chayyam - Ein Wirtshaus im Jenseits (schlechter Titel aber lesenswert) - Persische Weingedichte
- Hedy Kempny / Arthur Schnitzler - das Mädchen mit den dreizehn Seelen (Briefe und Tagebuchblätter)

... und im Anschluss ein Auszug aus dem zuerst genannten Buch von Siri Hustvedt :

"Wir alle legen einen Weg zurück, der vom relativ unbewussten und bruchstückhaften Zustand der Kindheit zu einem funktionierenden verinnerlichten Selbstbild und zu einem bewussten, gegliederten "Ich" innerhalb der Sprachstrukturen führt. Niemand hat tatsächlich Erinnerungen an ein intrauterines Leben oder an die frühe Kindheit, aber wir haben diese Erfahrungen trotzdem gemacht, und Spuren aus dieser schwebenden, undifferenzierten Welt bleiben in uns und suchen uns sogar im Alltag heim: in Furcht und Angst, in Sehnsüchten, beim Sex, im Schlaf und als namenlose Sorgen. Sie ist Teil eines uns größtenteils verborgenen körperlichen Lebens, und nichts ist dieser frühen Erfahrung ferner als der Versuch, diese Realität oder irgendeine Version davon in das Schreiben einzuschreiben. Und doch glaube ich, dass es das war, wohin es Dickens zog, zu diesem bruchstückhaften, ungeformten Raum, oder woran ich oft als das Darunter gedacht habe. In Halluzinationen, in Psychosen, bei verschiedenen Formen von Hirnschäden, in Träumen und in manchen Augenblicken künstlerischen Schaffens scheint das Darunter brüllend an die Oberfläche zu treten: Ganze Bilder zerfallen, und die Zeit ist unterbrochen. Diese Geschichte, die wir das Selbst nennen und als Ich artikulieren, sagt und Dickens, ist geladen und brüchig, und wir müssen kämpfen, um sie zusammenzuhalten."

(Hustvedt, Siri; Being a Man (Charles Dickens und das kranke Bruchstück - Die Magie der Fiktion), S. 145f)