Sonntag, 18. Dezember 2011

Sylvia Plath - Quetschung (Contusion)

Farbe flutet dorthin, ein mattes Purpur.
Der übrige Körper ist ganz verwaschen,
Die Farbe von Perlen.

In einem Felsloch
Saugt das Meer besessen:
Eine Höhlung die Angel des ganzen Meeres.

Fliegengroß
kriecht das Todeszeichen
die Wand hinunter.

Das Herz fällt zu,
Das Meer gleitet zurück,
Die Spiegel sind verhangen.


Und zum Vergleich hier noch die  englische Original-Version:

Colour floods to the spot, dull purple.
The rest of the body is all washed out,
the colour of pearl.

In a pit of rock
The sea sucks obsessively,
One hollow the whole sea's pivot.

The size of a fly,
The doom mark
Crawls down the wall.

The heart shuts,
The sea slides back,
The mirrors are sheeted.


aus: Sylvia Plath, Ariel

Mittwoch, 30. November 2011

Buchvorstellung 12 - Marcel Proust / Eugene Atget - Ein Bild von Paris


Ein schönes, kleines Büchlein, das ich immer mal wieder zur Hand nehme. Die Texte sind aus Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und zeigen seine detaillierte Sicht auf Paris. Die Textauszüge von Proust und die Fotos von Atget beziehen sich dabei nicht direkt aufeinander, sondern zeigen, jeweils auf ihre Weise Stimmungen zu Stadt und Menschen in Paris und ergänzen sich so jeweils. Zuerst fand ich dies schade aber wenn man Bilder und Texte etwas in sich wirken lässt ist es doch eine Bereicherung, denn nicht nur das Gemeinsame der Sichtweisen, auch die Unterschiede sowohl in der Art der Betrachtung als auch in der daraus folgenden künstlerischen Umsetzung treten so klarer hervor.

Einleitend gibt es eine kleine Hinführung zu Proust und seiner Arbeitsweise als auch zu Atget, der mit seiner Art zu fotografieren, der damaligen Zeit, laut dieser Beschreibung, bereits hinterherhinkte. In folgenden Abschnitten nähert sich das Buch einem Gesamtstimmungsbild von Paris: das Bild der Stadt, die Menschen, Paris von innen, Dimensionen der Kunst und Formen der Natur.

Hier noch einige Veranschaulichungen (für den Text, Bild bitte anklicken):



Sonntag, 16. Oktober 2011

Sarah Kirsch - Caswell Bay

Der Sternfisch der Limpet erwarten
In dunklen Höhlen rettende Flut.
Verändert schwebst du
Rauchend über die Klippen ich bin
Dein Schatte blaue Hyazinthen
Hinter den Ohren.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Am Meeressaum

Heute war ich ihm
für eine kleine Weile
ein sanftes Gegenüber

und das Meer wogte in mir.

NHF - 2011

Donnerstag, 22. September 2011

Oktober

Herbstlicht presst sich durch Platanenblätter
ein Rascheln wandert über graue Pflasterstilleinseln
in deren Hell und Dunkel dicke Tauben trippeln.

NHF - 2011

Anmerkung: dieses Gedicht fällt wohl, wie ich gerade feststelle, in die Rubrik: "unbewusst wieder aufgegriffen", siehe auch: Variationen von Grau)

Mittwoch, 7. September 2011

Tübinger Fundstücke


Seit kurzem habe ich eine neue Liebe - eine gefährliche Liebe - in Gestalt einer Stadt - nämlich Tübingen. Ich war schon öfter dort, auch als wir noch im Ruhrgebiet gewohnt haben, aber scheinbar immer zur falschen Jahreszeit und meist an Sonntagen. Als kalt und abweisend hatte ich Tübingen in Erinnerung und nun .... ich bin begeistert und besonders haben es mir die vielen, kleinen Antiquariate angetan. Ich versuche mich zu beherrschen, aber ... vergebens ...

So, hier also meine Neuzugänge (in der Reihenfolge ihrer Entdeckung):

- Siri Hustvedt - Being a Man - Essays
- Umberto Eco - Die Suche nach der vollkommenen Sprache
- Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee
- Portugiesische Briefe (übertragen von Rainer M. Rilke)
- Robert Walser - Der Spaziergang (Hörbuch)
- In irrer Gesellschaft - Verständigungstexte über Psychotherapie und Psychiatrie (mal ein "Sachbuch")
- Omar-i Chayyam - Ein Wirtshaus im Jenseits (schlechter Titel aber lesenswert) - Persische Weingedichte
- Hedy Kempny / Arthur Schnitzler - das Mädchen mit den dreizehn Seelen (Briefe und Tagebuchblätter)

... und im Anschluss ein Auszug aus dem zuerst genannten Buch von Siri Hustvedt :

"Wir alle legen einen Weg zurück, der vom relativ unbewussten und bruchstückhaften Zustand der Kindheit zu einem funktionierenden verinnerlichten Selbstbild und zu einem bewussten, gegliederten "Ich" innerhalb der Sprachstrukturen führt. Niemand hat tatsächlich Erinnerungen an ein intrauterines Leben oder an die frühe Kindheit, aber wir haben diese Erfahrungen trotzdem gemacht, und Spuren aus dieser schwebenden, undifferenzierten Welt bleiben in uns und suchen uns sogar im Alltag heim: in Furcht und Angst, in Sehnsüchten, beim Sex, im Schlaf und als namenlose Sorgen. Sie ist Teil eines uns größtenteils verborgenen körperlichen Lebens, und nichts ist dieser frühen Erfahrung ferner als der Versuch, diese Realität oder irgendeine Version davon in das Schreiben einzuschreiben. Und doch glaube ich, dass es das war, wohin es Dickens zog, zu diesem bruchstückhaften, ungeformten Raum, oder woran ich oft als das Darunter gedacht habe. In Halluzinationen, in Psychosen, bei verschiedenen Formen von Hirnschäden, in Träumen und in manchen Augenblicken künstlerischen Schaffens scheint das Darunter brüllend an die Oberfläche zu treten: Ganze Bilder zerfallen, und die Zeit ist unterbrochen. Diese Geschichte, die wir das Selbst nennen und als Ich artikulieren, sagt und Dickens, ist geladen und brüchig, und wir müssen kämpfen, um sie zusammenzuhalten."

(Hustvedt, Siri; Being a Man (Charles Dickens und das kranke Bruchstück - Die Magie der Fiktion), S. 145f)

Montag, 22. August 2011

Traumtreibgut

Heute Nacht träumte ich mir
ein türkisfarbenes Meer an mein Bett.
Seichte Wellen säuselten an seine Ränder
und ein Schwarm kleiner Fische
stieg silbern quirlig an die Oberfläche.
In der Ferne sah ich mich treiben
ich winkte wohl auch mir zu.

NHF - 2011

Montag, 18. Juli 2011

Buchvorstellung 11 - Nina Jäckle - Zielinski


Bisher haben mir alle Bücher von Nina Jäckle sehr gut gefallen und dieses hier hat mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt und bringt mich auch jetzt noch zum schmunzeln.
Worum geht es? Zielinski zieht ein. Auf einmal ist er da. Im größten Zimmer des Protagonisten steht sie, Zielinskis, mit blauem Samt, ausgeschlagene Holzkiste, in der Zielinski, unter einem Kronleuchter, sitzt und mehr und mehr in das Leben des Protagonisten, ja, in diesen eindringt. Nach und nach verschwimmen die Ebenen - Realität, Phantasie, was ist Gedanke, was Handlung, was Tat, .....? Eine gelungene Darstellung (u.a.) einer Selbstentfremdung und wie es in der Klappe beschrieben ist: "Nahezu unbemerkt von seinem sozialen Umfeld zieht sich ein Mensch Schritt für Schritt zurück, er kippt aus dem alltäglichen Leben."

..."Dieser Zustand, mir selbst eine Variable zu sein, mir also vorstellen zu können, dass das eigene Erleben nicht vom Tatsächlichen abhängt, sondern vielmehr von einer Entscheidung für die eine oder für die andere mögliche Variante, müsste mich eigentlich beängstigen." (S.71) ...

..."- Im Auf- und Abgehen lässt es sich wunderbar leben, glauben sie mir. Für mich ist das Streben nach Sinnvollem, dem Sie so viel Bedeutung beimessen, lediglich eine nervöse Störung des Selbstverständnisses. Ich bin ohne Auftrag und ohne jedes Begehr, wohnhaft in meiner Kiste, das ist alles. Und es hat nicht im Geringsten etwas mit Ihnen zu tun. Zielinski lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sieht aus meinem Fenster. Dann steht er auf, nimmt seinen Stuhl, er nickt mir höflich zu und geht inseine Kiste, er schließt leise die Tür hinter sich." (S.71f) ...

"Nun stehe ich vor seiner Tür, es riecht nach Holz Ich bin gut aufgehoben, hier, in diesem System, für dessen Erhalt ich einfach nur mit allem einverstanden sein muss. Und so baue ich mir ein Nest aus Widerstandslosigkeit, und es baut sich mühelos, fast wie von selbst." (S.73) 
 aus: Nina Jäckle - Zielinksi

Donnerstag, 7. Juli 2011

Stunde der Selbstverengung ...

"In der Stunde der Selbstverengung, wenn mich die Empfindsamkeit in die Isolation und die Isolation in den Hochmut treibt, gehe ich in das Café Heimatland und schaue der Kellnerin bei der Arbeit zu. Die Frau weiß nicht, dass sie mich ins Leben zurückholt und dass ich nur deswegen ins Café Heimatland gehe. ..."
 Wilhelm Genazino - Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz

Freitag, 17. Juni 2011

das eine

zu liegen
aneinander
nichts weiter
nichts mehr
voreinander
vollkommen
ganz eins
ganz ruhe

stetig nur
das blaurauschende
flüstern der wellenberge
und die leise dahinziehenden
sandheergezeiten

zu liegen
aneinander
nichts weiter
nichts mehr
in der hitze des tages
in goldenen stunden
salzige tropfen
zu jahren fließen

stetig nur am himmel
die weißen möwen
gickernd gleitend
über das eine
unten am strand


(... für P.)

NHF - 2003

Sonntag, 5. Juni 2011

Wirklichkeit(en) ...

an einem Sonntag-Nachmittag ...
Und Paul Watzlawick schreibt dazu: „Aus der Idee des Konstruktivismus ergeben sich zwei Konsequenzen: Erstens die Toleranz für die Wirklichkeit anderer - denn dann haben die Wirklichkeiten anderer genauso viel Berechtigung, wie meine eigene. Zweitens ein Gefühl der absoluten Verantwortlichkeit. Denn wenn ich glaube, dass ich meine eigene Wirklichkeit herstelle, bin ich für diese Wirklichkeit verantwortlich.“ (5)
(5) P. Watzlawick „Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit“, S. 31

Dienstag, 24. Mai 2011

Leiden

Es gibt Leiden, von denen man die Menschen nicht heilen sollte, weil sie der einzige Schutz gegen weit ernstere sind.
Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Donnerstag, 19. Mai 2011

zit

manchmal wenn ich schreibe kann ich die textur meines gehirns spüren was nicht angenehm ist was mich extrem beunruhigt
und dann dauert es nicht lange und ich stürze zwischen meine eigenen zeilen die gedachten und erst recht die geschriebenen worte enthalten zuviel raum ihre anziehungen sind beliebig zu viele kombinationsmöglichkeiten die nach und nach ihren sinn verlieren selten nur an sinn gewinnen
ich stürze hinein in dies sich ständig verändernde gewebe an bedeutungen und die worte sind wunderschöndiamantengedankenklar und zugleich absolut sinnentleert und nicht mehr zu gebrauchen
und dann beginnen die worte zu fallen zwischen sich und andere zwischen die bedeutungen zwischen meine gedanken zwischen alles was sie beschreiben könnten tragischerweise auch zwischen mich und die welt und letztlich entwischen mir die worte selbst zu den rändern hin
zit
so einfach geht das

NHF - 2011

Montag, 16. Mai 2011

Buchvorstellung 10 - Henry Miller - Die Kunst des Lesens (Ein Leben mit Büchern)



Als nach wie vor begeisterte Leserin von Henry Miller ist dieses kleine Bändchen natürlich eines meiner Lieblinge. Damals, es mag vor mehr als 15 Jahren gewesen sein, war es gar nicht so einfach an eine Ausgabe zu kommen, die weder zerfleddert ist, noch unangebrachte Anmerkungen oder sonstige Krakeleien enthält.
Wie auch die anderen Bände meiner HVM-Sammlung, so schaue ich auch in "Die Kunst des Lesens" dann und wann hinein und finde immer etwas, das mich anspricht und mir Lust macht, etwas von diesem oder jenem Schriftsteller (z.B. Hamsun) bzw. dieser/jener Schriftstellerin zu lesen. Es gefällt mir, dass es nur ein schmales Bändchen ist, die meisten dicken Wälzer sind mir eher suspekt und ich kenne kaum ein "umfangreiches" Buch, das durchgängig lesenswert wäre - aber ich lasse mich gerne bekehren.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort (des Herausgebers und von HVM)
I. Sie waren lebendig und sie sprachen mit mir
II. Frühe Lektüre
III. Blaise Cendrars
IV. Jean Giono
V. Brief an Pierre Lesdain

Anhang:
1. Die hundert Bücher, die mich am stärksten beeinflussten
2. Bücher, die ich noch lesen möchte

Über den Verfasser 

Personenregister und Verzeichnis der erwähnten Bücher

aus dem Inhalt (S.94):
"Lassen Sie mich dem hinzufügen: als ich einigen mir befreundeten Buchhändlern die Bücher aufgab, die ich gern haben wollte, erhielt ich als Rückantwort von allen im wesentlichen die gleiche unverlangte Ohrfeige: << Noch nie einen solchen phantastischen Mischmasch von Titeln gesehen! >> Als hätte ich bei der Auswahl aus allen Büchern, die ich in den letzten vierzig Jahren gelesen habe, für sie eine bestimmte ansprechende und verständliche Reihenfolge von Titeln zusammenstellen wollen! Wo sie ein Tohuwabohu erblickten, sehe ich Ordnung und Sinn. Meine Ordnung, meinen Sinn. Meinen inneren geistigen Zusammenhang. Wer kann mir sagen, was ich hätte lesen sollen und in welcher Reihenfolge; Wie unsinnig! Je mehr ich meine Vergangenheit ins Licht hebe, so wie sie sich durch die Bücher, die ich gelesen habe, selbst darbietet, desto stärkere Logik, desto größere Ordnung, desto strengere Zucht entdecke ich in meinem Leben. Selbst wenn es wie Sumpfland erscheint, stets trägt das eigene Leben einen tiefen Sinn in sich."

Mittwoch, 4. Mai 2011

Seelenleben

"... Wenig später drängt mir die Eigenart des Lebens eine innere Stummheit auf. Ich höre jetzt nur noch das Wehklagen meiner ratlosen Seele. Sie möchte gern etwas erleben, was ihrer Zartheit entspricht, und nicht immerzu dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert sein. Ich beschwichtige meine Seele und schaue mich nach geeigneten Ersatzerlebnissen um. Aber die Wirklichkeit ist knauserig und weist das Begehren meiner Seele ab. ..."
Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten

Sonntag, 1. Mai 2011

Lektüre

"Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glauben, wir hätten sie nutzlos vertan: Die nämlich, die wir mit der Lektüre eines Lieblingsbuches verbrachten."
Marcel Proust

Dienstag, 19. April 2011

Völlig losgelöst

Wie wunderbar sind Inseln! Inseln im Unendlichen wie diese, auf die ich mich zurückgezogen habe, Inseln von unabsehbarem Wasser umschlossen, ohne verbindende Brücken, Kabel oder Telefone. Eine Insel fernab der Welt und ihrem Getriebe. Inseln inmitten der Zeit wie meine kurzen Ferien. Vergangenheit und Zukunft sind abgeschnitten: Nur die Gegenwart bleibt. Das Dasein im Jetzt verleiht dem Inselleben äußerste Intensität und Reinheit. Wie ein Kind oder ein Heiliger lebt man in der Unmittelbarkeit des Hier und Heute. Jeder Tag, jede Handlung ist eine Insel, von Zeit und Raum umspült und in sich geschlossen wie eine Insel. Auch die Menschen werden in dieser Atmosphäre zu Inseln, in sich gestillt, unversehrt und heiter-gelassen. Sie achten die Einsamkeit des anderen, dringen nicht an seine Küsten, machen ehrfürchtig halt vor dem Wunder eines anderen Individuums. "Kein Mensch ist eine Insel", hat John Donne gesagt. Ich glaube, daß wir alle Inseln sind - in einem gemeinsamen Meer.

Anne Morrow Lindbergh - Völlig losgelöst, Auszug aus: Muscheln in meiner Hand - wiederum in: Meer Geschichten (dtv, S. 213)

Dienstag, 12. April 2011

Gedicht des Meeres

Das Meer weicht zurück
bis zum Horizont
geht über in Grau

Im feuchten spiegelnden Grunde
werfen hunderte von Sandwürmern gekräuselte Burgen auf
grünlichbraune Algen schlingen sich umher
und die bunten Häuser der Napfschnecken
setzen sich vereinzelt als Punkt hinzu

zaghaft nähert sich die Flut
treibt kleine Krebse
zwischen die flüchtigen Zeilen

NHF - 2011

Dienstag, 22. März 2011

Buchvorstellung 09 - Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung



Dieses Buch habe ich erst vor kurzem entdeckt. Es enthält eine Zusammenstellung der "Meerestexte" von Lenz und hat mir, als Meeresliebhaberin, sehr zugesprochen. Dabei ist es in folgende Bereiche gegliedert: Meer und Küste, Fluß und Hafen, Marine, Die Wracks und die Taucher, Vom Fischen und Angeln, Aquariums-Kultur oder Der große Zackenbarsch und enthält noch den Epilog: Kleines Strandgut. Im Glossar finden sich Erläuterungen zu solch gut oder seltsam klingenden Worten, wie  z.B. "bathypelagische Zone" (sogenannte lichtlose Zone, von 1000 bis 4000 Meter unter dem Meeresspiegel) oder "krängen" (seitliche Neigung eines Schiffes).
Von der Klappe: "Siegfried Lenz , ..., ist nicht nur einer der letzten großen Geschichtenerzähler - er ist auch ein Schriftsteller des Meeres: Strände, Häfen, Inseln, Küsten, Fjorde, große und kleine Schiffe sind die Schauplätze seines Werks; sein Personal besteht aus Fischern, Anglern, Tauchern, Matrosen, Hafenarbeitern, Schauerleuten. Siegfried Lenz' Bücher sind ohne das Wasser nicht denkbar: Wie alle Wasserläufe führt der Welt führt auch der Strom seines Erzählens am Ende unfehlbar zum Meer, als folge er einem verborgenen Gesetz."

Siegfried Lenz - Wasserwelten - Eine Sammlung (marebibliothek)

"Unmittelbar neben dem Pfad zog sich eine Flutlinie von Seetang, verdorrtem Pfeilgras und Geröll hin, und parallel zu ihr liefen andere, ältere Linien: jede große Flut hatte so ihre Markierung hinterlassen, ihren Erinnerungsstreifen, der von der winterlichen Kraft der See zeugte oder von ihrem winterlichen Grimm. Jede Flut hatte etwas anderes erbeutet, eine hatte weißgewaschenes Wurzelwerk aufs Land geschleudert, eine andere Korkstücke und einen zerschlagenen Kaninchenstall, da lagen Tangknollen und Muscheln und zerrissene Netze und jodfarbene Gewächse, sie wie groteske Schleppen aussahen, ..." (Siegfried Lenz - Deutschstunde)

Dienstag, 1. März 2011

Ein sehr kleiner Raum

Am Ende verschlägt es uns in einen sehr
kleinen Raum, für Sätze, Herzschlag, Gebärde
zu eng. Wenn Raum so heranrückt, ist von Zeit
nichts mehr zu hören. Jetzt nicht loslassen in diesem
Würgegriff, wer zwischen erdigen Decken zu Hause ist,
kann ruhig ersticken. Das Ungeschehbare fängt an, sich
zu vollziehen; Beklemmung, Atemnot
verkehren sich. Im strahlenden Schwarz folgt
ein unendliches Ausdehnen, ohne Körper kann
man wahrhaftig heimkehren. So wie aus einer Schar von
Vögeln sich das Schwärmen löst, sich aus der größt-
möglichen Verdichtung das Gedicht hervorwindet
und Vers wird, so wie in Erde, so wie Luft.

Anna Enquist - Ein neuer Abschied

Freitag, 11. Februar 2011

Tränenmeer

Was brennt das Meer
wie eigene Tränen mir
heiß und feurig
selbst in den kleinsten Winkeln.

Was kühlt das Meer
wie deine Tränen mir
schmerzend
die noch unbedeckten Wunden.

War es stets in mir
dies Tränenmeer?

NHF - 2010

Sonntag, 30. Januar 2011

Sarah Kirsch - Fremder

Wie verzaubert ich bin - Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Sonntag, 23. Januar 2011

ein rot



ein rot fiel vom himmel es war klein und leicht und schmiegte sich an eine häuserwand - dort geriet es in vergessenheit

NHF - 2011

Dienstag, 18. Januar 2011

Buchvorstellung 08 - Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen


Klein aber fein. Eine meiner Lieblingserzählungen.
Aus der Beschreibung: "Giono erzählt von einem alten Menschen, dem provenzalischen Hirten Elźeard Bouffier, der unbeirrbar Tag für Tag, Jahr für Jahr, völlig allein und ohne Auftrag, Zehntausende von Eicheln in den dürren Boden des Hochlandes seiner Heimat versenkte. In wenigen Jahrzehnten wuchsen Bäume, entstanden weite Wälder. Und damit kehrte wieder Leben in die Einöde zurück."
"Damit der Charakter eines Menschen wahrhaft außergewöhnliche Qualitäten offenbare, muß man das Glück haben, seine Tätigkeit während vieler Jahre beobachten zu können. Und wenn diese Tun frei ist von jeglichem Eigennutz und die ihn leitende Idee von beispiellosem Edelmut, wenn ferner sicher feststeht, daß er nirgendswoher Dankerwartet, und wenn er zu dem allem auf der Welt sichtbare Spuren hinterließ, dann hat man unfehlbar einen unvergeßlichen Charakter vor sich."
Jean Giono - Der Mann mit den Bäumen (Flamberg-Verlag)

Montag, 10. Januar 2011

Die Materie ...

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien ...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Alberto Caeiro/Fernando Pessoa - Poesie - Verstreute Gedichte

Mittwoch, 5. Januar 2011

In der Nacht

Ist es dunkel im Meer
in der Nacht?
Sterne funkeln
hoch oben
und tief, tief unten.

NHF - 2010