Mittwoch, 29. Dezember 2010

Kafka - In der Strafkolonie

"..."Kennt er sein Urteil?" "Nein", sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fort fahren, aber der Reisende unterbrach ihn. "Er kennt sein eigenes Urteil nicht?" "Nein", sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage und sagte dann:"Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." ..."
Franz Kafka - In der Strafkolonie


Drahtobjekt/Bild von Martin Senn.

"Durch Zufall" bin ich auf die Drahtobjekte von Martin Senn aufmerksam geworden. Die Darstellung des eigentümlichen Apparates aus der Erzählung "In der Strafkolonie" finde ich überaus gelungen. Weitere Umsetzungen aus anderen anderen Erzählungen von Kafka, so z.B. "Der Hungerkünstler" finden sich unter dem oben angegebenen Link.

Samstag, 25. Dezember 2010

Im Knacks ...

"Im Knacks schlägt sich eine Erfahrung nieder, die amorph besteht, aber nicht als Gegenstand erkannt wird. Will man die Bauprinzipien, nach denen sich Persönlichkeiten bilden - also diese Kette von Ereignissen, aus der man die Plausibilität des Charakters ableitet und diesen auch entschuldigt - , verlassen, kommt man auf die andere Seite. Dann entdeckt man die Unmerklichkeit von Prozessen des Übergangs, der Disqualifizierung, des Nicht-mehr-Seins, des Lebensentzugs, des Brechens, der Enttäuschung, des Maschine-Werdens oder der gestörten Effiziens - man muss den Blick ändern, um zu bemerken, wie aus dem Nicht-Ich diese Ich heraustritt, sich durch all dieses Unpersönliche hindurch rettet. ..."

Roger Willemsen - Der Knacks

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Es wäre still zu dieser Zeit

Es wäre still zu dieser Zeit
die Schneeflocken schluckten alle Geräusche
und bärgen sie in ihren Zwischenräumen.

Unten der Weihnachtsmarkt
Gewimmel in den Gassen
Buden, Lichter, Kramgesichter
mittendrin der größte Weihnachtsbaum, steif und starr.

Es hockte ein echter Engel auf seiner Spitze
und blickt auf den Penner am Parkhauseingang
mittendrin sitzt dieser, zusammen gesackt
es fehlen im Socken, Handschuhe, Schal und Mütze,
rot vor Kälte seine Haut.

Es wäre still zu dieser Zeit
und der Engel würde sich hinab stürzen wollen vor Scham.

2010 - NHF

Anmerkung: Leider bin ich nicht dazu gekommen selbst ein Bild des "größten Weihnachtsbaumes" zu schießen, da ich, wie man sich denken kann, nicht gerade ein Freund von Weihnachtsmärkten oder sonstigem Gedränge bin. Aber hier derweil ein kleiner Eindruck zum Ort des Geschehens.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Charles Bukowski - Manche Leute

Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.

Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.

Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.

Charles Bukowski - Flinke Killer

-> siehe auch mein Ölbild zu Charles Bukowski (dieser links im Bild)

Freitag, 3. Dezember 2010

Variationen von Grau

Stille liegt auf dem Granit der Stadt
Platanengeäst filtert das herbstliche Sonnenlicht
Im Hell und Dunkel trippeln Tauben umher.

2010 - NHF