Montag, 13. September 2010

Kastanienübergabe

"An einem Herbsttag war ich in einer Kastanienallee unterwegs. Es ging gegen Mittag zu, die Sonne schien schwach. In der Allee waren nur wenige Menschen unterwegs, außer mir nur ein älteres Paar und eine Mutter mit ihrem Kleinkind. Der Kinderwagen der Mutter war leer, denn das Kind lief freudig umher. Die Lust am Gehen war groß, weil der Weg übersät war mit schönen großen Kastanienblättern und frisch entschlüpften oder halb entschlüpften Kastanien. Gibt es etwas Glanzvolleres als eine Kastanie, die sich in der Soeben geöffneten Schale zeigt? Schon Kinder fangen an zu sammeln; es ist, als hätten sie schon frühzeitig eine Ahnung, wo sich Poesie zeigt. Die Mutter hatte sich auf einer Bank niedergelassen und betrachtete die Hingabe ihres Kindes. Das Kind hatte einen Drang, die frisch gefundenen Kastanien seiner Mutter zu bringen, die sie sorgfältig aufbewahrte. Eine Weile dachte ich, die Lust des Kindes geht von der Glätte und vielleicht auch von der Kühle der Kastanien aus. Aber dann sah ich, daß es für das Kind (sozusagen) ein festlicher Augenblick war, wenn es vor seiner Mutter erschien und ihr eine neue Kastanie in den Schoß legte. Nach einige Zeit war ich sicher, daß nicht die Glätte und nicht die Kühle der Kastanien der ausschlaggebende Punkt war, sondern der hell schimmernde Glanz auf jeder einzelnen Kastanie, ihre polierte und wie glatt geriebene Außenhülle. Im Augenblick einer Kastanienübergabe glänzten auch die Augen des Kindes und die der Mutter. Vermutlich war dieses Glänzen der Grund warum mir eine Formulierung von Freud wieder einfiel, von deren Wahrheit ich seit der ersten Lektüre überzeugt bin. Freud schreibt, der Grund - oder der Anlaß - für das Gelingen einer befriedigend narzißtischen Beziehung zwischen Mutter und Kind sei der wiederkehrende >>Glanz im Auge der Mutter<<. Das Kinde liegt an der Brust, es trinkt und schaut von Zeit zu Zeit in die Höhe - und was sieht es? - es sieht den Glanz im Auge der Mutter."
aus: Wilhelm Genazino, Die Belebung der toten Winkel, Franfurter Poetikvorlesungen/Hanser, S. 19f

Ein kleines Ölbild meiner ersten Kastanie aus diesem Jahr und was es mit ihr auf sich hat findet sich hier. :-)

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