Donnerstag, 30. September 2010

Buchvorstellung 05 - Nicolas Michel: Emilies letzte Reise


Das erste Buch, das ich von Nicolas Michel entdeckt habe, heißt "Die Blaue" und ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr empfehlenswert. "Emilies letzte Reise" jedoch ist noch schöner. Die Geschichte wird rückwärts erzählt und beginnt mit einer Leiche, die auf ihrem Weg den verschiedensten Menschen begegnet und deren Geschichten miteinander verbindet. Hier nun ein kleiner Auszug:
"Sie scheint es entsagend geschehen zu lassen. Sie kämpft nicht mehr, sie überläßt sich der Strömung, die sie von einem zum anderen Ort schiebt, wie der Zufall es will oder die Sterne oder der Wind oder der Mond.
Sie lächelt, ihr Lächeln ist noch feiner als dasjenige, das sie zu Lebzeiten trug.
Ihr Tod war ein aufregendes Abenteuer, eine letzte Clownerie, und sie ist stolz darauf. Nicht viele Leute können sich eines solchen Todes rühmen. Sie hatte die Zeit, mit den Menschen, die ihr auf diesem Weg unterkamen, ihre Späße zu treiben. Sie hat es ausgekostet bis zum letzten Augenblick vor ihrer Verwesung.
Sie hätte es sich sehr verübelt, wenn sie ab dem Zeitpunkt ihres Todes einfach nur aufgehört hätte, zu sein. Das entsprach nicht ihrer Auffassung von Leben. Hätte sie darauf verzichtet, ihren Tod zu einem Seiltanz zu machen, wäre das Verrat an ihren sechsundzwanzig irdischen Jahren gewesen. ..."
 Nicolas Michel - Emilies letzte Reise

Dienstag, 28. September 2010

Sarah Kirsch - Auf einer Klippe

Das Meer brüllte im
Wind und übertraf ihn.
Ich ging
In seinem und seinem
Schreien und Wehen
Auf Lavastufen. Der
Wind ist alt er
Lachte als er mich
Sah. Übergab mir der
Meergänse Schrei.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Montag, 20. September 2010

Geblendeter Blick oder Wege aus Teheran


(Blick auf das Elbursgebirge - NHF - 2003)

am ausläufer des elbursgebirges beginnt die reise
voran auf baumgesäumter straße
schieben sich laute autokolonnen bergan
beiderseits quellwasserkanäle stadtabwärts fließen
langsam bleibt die welt zurück
der geruch braunen gesteins durchzieht die klare luft
esel mit lastkörben das heu im maul auf steilen pfaden
hoch oben adlerkreise im blau
der weg wird karg ist grau
ankunft nach zwei stunden
rundumblick doch die augen schmerzen
meterhoch der schnee
unberührte decken halten still
der schlaf ist tief
gleißendes weiß
doch zu erkennen
trotz des geblendeten blicks
bunte blüten im schnee
hier und da und dort
die schwarzen tücher der frauen
wehen fort

NHF - 2003/2010

Montag, 13. September 2010

Kastanienübergabe

"An einem Herbsttag war ich in einer Kastanienallee unterwegs. Es ging gegen Mittag zu, die Sonne schien schwach. In der Allee waren nur wenige Menschen unterwegs, außer mir nur ein älteres Paar und eine Mutter mit ihrem Kleinkind. Der Kinderwagen der Mutter war leer, denn das Kind lief freudig umher. Die Lust am Gehen war groß, weil der Weg übersät war mit schönen großen Kastanienblättern und frisch entschlüpften oder halb entschlüpften Kastanien. Gibt es etwas Glanzvolleres als eine Kastanie, die sich in der Soeben geöffneten Schale zeigt? Schon Kinder fangen an zu sammeln; es ist, als hätten sie schon frühzeitig eine Ahnung, wo sich Poesie zeigt. Die Mutter hatte sich auf einer Bank niedergelassen und betrachtete die Hingabe ihres Kindes. Das Kind hatte einen Drang, die frisch gefundenen Kastanien seiner Mutter zu bringen, die sie sorgfältig aufbewahrte. Eine Weile dachte ich, die Lust des Kindes geht von der Glätte und vielleicht auch von der Kühle der Kastanien aus. Aber dann sah ich, daß es für das Kind (sozusagen) ein festlicher Augenblick war, wenn es vor seiner Mutter erschien und ihr eine neue Kastanie in den Schoß legte. Nach einige Zeit war ich sicher, daß nicht die Glätte und nicht die Kühle der Kastanien der ausschlaggebende Punkt war, sondern der hell schimmernde Glanz auf jeder einzelnen Kastanie, ihre polierte und wie glatt geriebene Außenhülle. Im Augenblick einer Kastanienübergabe glänzten auch die Augen des Kindes und die der Mutter. Vermutlich war dieses Glänzen der Grund warum mir eine Formulierung von Freud wieder einfiel, von deren Wahrheit ich seit der ersten Lektüre überzeugt bin. Freud schreibt, der Grund - oder der Anlaß - für das Gelingen einer befriedigend narzißtischen Beziehung zwischen Mutter und Kind sei der wiederkehrende >>Glanz im Auge der Mutter<<. Das Kinde liegt an der Brust, es trinkt und schaut von Zeit zu Zeit in die Höhe - und was sieht es? - es sieht den Glanz im Auge der Mutter."
aus: Wilhelm Genazino, Die Belebung der toten Winkel, Franfurter Poetikvorlesungen/Hanser, S. 19f

Ein kleines Ölbild meiner ersten Kastanie aus diesem Jahr und was es mit ihr auf sich hat findet sich hier. :-)

Mittwoch, 8. September 2010

auf die sanfteste Art


ihre augen
streifen den horizont
und ziehen mit fernen segeln umher

nackte füße
in den sand gegraben
wellenumspült sie sinkt

helles licht
auf bloßen lidern
still vor der blauen see

sie beugt sich
wasser zu schöpfen
um ihre tränen zu füllen

so ist es traurig zu sein
auf die sanfteste art 

2003-NHF

Mittwoch, 1. September 2010

Gelehrsamkeit der Sensibiliät

"Es gibt eine Gelehrsamkeit der Erkenntnis, die im eigentlichen Sinne das ist, was man Gelehrsamkeit nennt, und eine Gelehrsamkeit des Verstandes, die das ist, was man Kultur nennt. Es gibt aber auch eine Gelehrsamkeit der Sensibiliät.
Die Gelehrsamkeit der Sensibiliät hat nichts zu tun mit der Lebenserfahrung. Die Lebenserfahrung lehrt uns nichts, so wie die Geschichte über nichts informiert. Die wahre Erfahrung besteht darin, den Kontakt mit der Wirklichkeit einzuschränken und die Analyse dieses Kontakts zu verstärken. Sie gelangt die Sensibilität in die Breite und in die Tiefe, weil alles in uns liegt; es genügt, daß wir es suchen und zu suchen verstehen."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe (389)