Freitag, 30. Juli 2010

schwarzes flüstern

schwarzes flüstern
durch die nacht hin schleicht

kühle nacht
gefercht um raum und zeit

das schwarz wird leiser
der wind trägt es nicht

eine stimme schwach und heiser
sich sehnend ins licht

kein schweben mehr
nur schwarz

das schwarz verdeckt die sicht
kein licht mehr

nur ein flüstern noch
kein ich

NHF-2002/2010

Montag, 26. Juli 2010

... frei vom Schmutz der Form

"Einmal im Monat spülen die Mönche die Druckstöcke … Allerdings schmutzig sind nicht die Hölzer, verunreinigt ist die Tinte.Bevor sie auf Papier kam, war sie frei vom Schmutz der Form. War ohne Linien, ohne Grenzen. War rein wie die Rede der Gottheit. War Schau des Tausendfältigen."
Dimitri Ladischensky – Mare No.37

Freitag, 23. Juli 2010

schenkt mit ein blau

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im weichenden dunst des morgens
trübe und milchig sich wiegend
von träumen gesättigt

schenkt mir ein blau

das blau des meeres zum sonnenaufgang
klar und schimmernd
auf dem gerippten kalk der muscheln spielend
und das blau des meeres im heißen mittagswind
dunkel und kräftig unter gekräuselter oberfläche
fraktale welten gebärend

schenkt mir ein blau

das blau des meeres am bewölkten nachmittag
zweigesichtig - nach unten voll fülle
nach oben den himmel abbildend
und das blau des meeres am abend
durchwirkt vom grün der algenwälder
wenn gischtkronenwellen dem strand zuschlagen

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im dunkel der nacht
ruhig fast schwarz
vom licht der sterne geschmückt

NHF-2003

Dienstag, 20. Juli 2010

Buchvorstelllung 03 - Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit


Dies Buch ist ganz frisch auf dem Markt. Als ich davon gehört habe war mein erster Gedanke: Wieso ist nicht schon eher jemand darauf gekommen? Worum es geht: Alle Gemälde, die Marcel Proust in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" benannt hat, werden, zusammen mit der betreffenden Textstelle aufgeführt. Ein besonderer Leckerbissen also, wenn ich mir den Band auch gerne in einem größeren Format, bei dem die Bilder noch besser zur Geltung kommen könnten, anschauen würde. Und man lernt nie aus:

"Ekphrasis ist der Terminus, den die klassische Rhetorik für diese Verbindung aus Worten und Bildern reserviert hat, einen Zustand der Nachahmung, den der Dichter und Kritiker John Hollander >>Mimesis der Mimesis<< nennt. Es gibt zwei grundlegende Modi der Ekphrasis, und Proust setzt beide ein. Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imginären Kunstwerks. [...] Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasiekonstrukt, erdacht von Marcel Proust. Tatsächliche Ekphrasis meint die Evozierung eines existierenden Kunstwerks." (S.20)


James Abbott McNeill Whistler, Zwielicht in Opal:Trouville, 1865 (S.120/121) aus: Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde der Verlorenen Zeit

Montag, 19. Juli 2010

sonderzüge für umsiedler

fahrplan-anordnung nr. 587 der generaldirektion der ostbahn vom 15. september 1942: >>sonderzüge für umsiedler<<

9228 von sedzszwo nach treblinka
9229 leerzug
9230 von szydlowiec nach treblinka
9231 leerzug
9232 von sydlowiec nach treblinka
9233 leerzug
9234 von kosienice nach treblinka
9235 leerzug
epitaph (3). 1986
Heimrad Bäcker - aus: Visuelle Poesie

Mittwoch, 14. Juli 2010

stumme zeugen

auf hölzerner oberfläche
fahles sonnenlicht einfällt
in hell und dunkel dimensionierte welt
mancherorts
vereinzelt splitter
hoch aufgerichtet
gedankengitter
ein hauch menschlicher wärme zur rechten
weißes blatt anbei
die feder schwarz
fast eingetrocknet
tintenblutsspuren
krakelei
die schatten schreiten fort
stille fließt einher
das stück des lebens nicht bedacht
gedanke im raum ward unhaltbar
zartes gefühl leise verweht
das letzte wort kaum mehr belebt
auf hölzerner oberfläche
weißes blatt
verloren treibt umher
ein stuhl einsam nun im zeitenmeer
nur mancherorts
vereinzelt splitter
gleich stummen zeugen
aufrecht stehn

NHF-2003

Sonntag, 11. Juli 2010

Spiegelungen

"Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Donnerstag, 8. Juli 2010

Buchvorstelllung 02 - Bettina Gundermann - Lysander


Eines meiner Lieblingsbücher, das, glaube ich, leider gar nicht sehr bekannt ist. Aber dafür umso lesenswerter. Worum es geht? Um Freundschaft, um Liebe, um einen, den (mißgestalteten) Lysander, der versucht in die Welt zu gelangen, aus dem Verborgenen heraus zu kommen. Beeindruckt hat mich die Sprache; roh, direkt ohne platt zu wirken. Die Wörter haben Kraft, beschönigen nicht, immer am Rand des "gerade noch". Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen und werde es sicher auch noch öfter lesen. Auch die gebundene Ausgabe ist erschwinglich und es lohnt sich, sich diese zuzulegen.

"Im neuen Heim gibt es Zweibettzimmer und in jedem Zimmer hängt ein Spiegel. Auch in den Waschräumen gibt es sie. Das ist Lysander neu, sich in dieser Größe und Schärfe und Deutlichkeit zu betrachten. Nicht wegen dir gibt es hier keine Spiegel, hatte ihm eine der Frauen aus dem ersten Heim erklärt, sobald er alt genug war. Er hatte sie nicht danach gefragt. Sondern wegen Gott, hatte sie gesagt. Mag Gott keine Spiegel?, fragte Lysander? Gott ist egal, wie die Menschen aussehen, er liebt jedes Kind, hatte die Frau geantwortet. Und als er sechs war und lesen konnte, da las er es jeden Tag, dreimal, so wie er jetzt das erste Mal vor einem Spiegel steht und zittert, weil dieses gestochen scharfe Bild seines Gesichts, seines Körpers, strahlend hell, ihm die Kälte durch den Leib peitscht. ..."
Bettina Gundermann - Lysander

Freitag, 2. Juli 2010

Meeresschmerz

Das Meer ist traurig heute
seine Wasser dunkel
zwischen den Schichten von Blau
balancieren weiße Segel
ritzen mit ihren Spitzen den Himmel auf.

Fließt von dort der Schmerz ins Meer?

NHF-2005