Dienstag, 29. Juni 2010

... über das Schreiben

"Ich gehe beim Schreiben nicht über meine Arbeit, wie es der peinlich sorgfältige Fraenkel mit seinen Zeichnungen tut, sondern ich erobere immer wieder neuen Boden, bis ich die Ebene des exakten Ausdrucks erreicht habe; ich lasse alles Tasten und Probieren sein, führe es aber in einer Art spiralförmiger Umschreibung aufwärts, bis es zu einem soliden Unterbau oder einem Gerüst geworden ist, je nachdem. Und dies ist, fällt mir auf, genau das Ritual des Lebens, wie es ein Mensch praktiziert, der sich entwickelt. Er kehrt, bildlich gesprochen, nicht zurück, um seine Irrtümer und Fehler zu korrigieren; er transponiert sie, konvertiert sie zu Tugenden. Er macht Flügel aus seinen toten Larvenhüllen."
Henry Miller - Malen ist Lieben

Und hier geht es zu meinem Portrait von Henry Miller. Eine kleine Lobpreisung sozusagen. Ob es ihm gefallen würde?

Mittwoch, 23. Juni 2010

Portrait ...

eines Mannes
in vanilligem Strick
lässig
fortwährend
versteckt
auf der mit braunem Kunstleder
bezogenen Bank
leichte Brille
auf dominanter Nase
Silber im Haar
und hin und wieder
die Zigarette
im Mundwinkel
täuscht die Ruhe so wenig
nur die schlanken Hände
sagen mehr
so hält er sie dezent bedeckt

NHF-2002

Montag, 21. Juni 2010

Oxford: Just talking oder Über die Wirkung von Worten

"Eingegossen und eingeschlossen in den Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, daß sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, daß es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem anderen wirklich zugehört? Ihn mit seinem Worten in mich hineingelassen, so daß mein innerer Strom umgeleitet worden wäre?"
Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Freitag, 18. Juni 2010

Buchvorstellung 01 - Rajzel Zychlinski: di lider



So komme ich zu meiner ersten "Buchvorstellung", dies in Anführungsstrichen, da es sich vielmehr um die Vorstellung einer CD mit vertonten Gedichten von Rajzel Zychlinski (di Lider, Gedichte 1928-1991) handelt. Ich kannte die Autorin zuvor nicht und habe dies Kleinod sozusagen im vorbeigehen zu einem wirklich lächerlichen Preis erstanden, der mich ein bisschen beschämte.
Kurz gesagt ich finde die CD himmlisch; Musik und auch die Art des Gedichtvortrags ergeben ein stimmiges Ganzes und unterstreichen Tonart, Ausdruckskraft und Bildlichkeit der Gedichte sehr gut.

Gott hat verborgen sein Gesicht

Alle Wege haben zum Tod geführt,
alle Wege.
Alle Winde haben Verrat geatmet,
alle Winde.
Auf allen Schwellen haben böse Hunde gebellt,
auf allen Schwellen.
Alle Wasser haben über uns gelacht,
alle Wasser.
Alle Nächte wurden fett von unserem Schrecken,
alle Nächte.
Und die Himmel waren kahl und leer,
alle Himmel.
Rajzel Zychlinski

Dienstag, 15. Juni 2010

Portrait ...

einer Frau
auf Abwegen
am kalten Tisch
allein
Regen entlang der Scheiben
verzerrtes Gesicht
rote Lippen
leuchtend
vor weißem Tuch
eingeschnürt der Atem
wartend
ein Zittern im Haar
sie wechselt den Platz
dem Blick zu entgehen
an der Scheibe
gebrochen
roter Tupfer
auf leerem Grund
einer Frau
mit geschminktem Mund

NHF-2002

Donnerstag, 10. Juni 2010

... Widersprüche

"Und ich befürchte keineswegs, mir zu widersprechen, denn ich weiß, daß die Widersprüche nur das Gestammel, eine Sprache darstellen, die ihren Gegenstand noch nicht zu erfassen vermag. Ein jeder, der Widerspruch fürchtet und logisch bleibt, tötet in sich das Leben (ein jeder, der nicht den schmerzhaften Versuch macht, diese Wachstumskrankheit zu überwinden; ein jeder, der es ablehnt Geburtshelfer zu sein), ein jeder, der in seinem Inneren das dunkle Werden fürchtet, das ihn mit dem Weltall verbindet – einem Weltall, das sich noch nicht formulieren läßt, da ja die beschränkte Sprache es nur tastend erfassen kann, wobei sie hier ein Stück Wand, dort eine Kante, dort einen Sockel, nicht aber die mächtige Kathedrale entdeckt, die mehr ist als die Stoffe – ein jeder, der nur die Formel sucht, nur das Formulierbare verwendet, ist bereits ein Toter."
Antoine der Saint-Exupery - Carnets

Sonntag, 6. Juni 2010

das meer hängt an der wand

das meer hängt an der wand
und rauscht mir leise – gegenüber
am morgen grüße ich die möwen
und am abend schenke ich mir
einen schluck vom meer ins glas
dort schimmert es türkis und smaragdgrün
hält orangegoldene fischschuppen in der schwebe
zwischendurch schüttele ich das meer ein bisschen
und es gluckert dumpf wie eine flasche buttermilch
doch die meiste Zeit bin ich ganz still
beobachte wie das meer anthrazitfarbene wale wiegt
oder gehe in leuchtenden korallengärten spazieren
so grüßt mich mein meer
und flüstert vertraulich mir zu

NHF-2003

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sensibilität

"Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität." 
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe