Mittwoch, 29. Dezember 2010

Kafka - In der Strafkolonie

"..."Kennt er sein Urteil?" "Nein", sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fort fahren, aber der Reisende unterbrach ihn. "Er kennt sein eigenes Urteil nicht?" "Nein", sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage und sagte dann:"Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." ..."
Franz Kafka - In der Strafkolonie


Drahtobjekt/Bild von Martin Senn.

"Durch Zufall" bin ich auf die Drahtobjekte von Martin Senn aufmerksam geworden. Die Darstellung des eigentümlichen Apparates aus der Erzählung "In der Strafkolonie" finde ich überaus gelungen. Weitere Umsetzungen aus anderen anderen Erzählungen von Kafka, so z.B. "Der Hungerkünstler" finden sich unter dem oben angegebenen Link.

Samstag, 25. Dezember 2010

Im Knacks ...

"Im Knacks schlägt sich eine Erfahrung nieder, die amorph besteht, aber nicht als Gegenstand erkannt wird. Will man die Bauprinzipien, nach denen sich Persönlichkeiten bilden - also diese Kette von Ereignissen, aus der man die Plausibilität des Charakters ableitet und diesen auch entschuldigt - , verlassen, kommt man auf die andere Seite. Dann entdeckt man die Unmerklichkeit von Prozessen des Übergangs, der Disqualifizierung, des Nicht-mehr-Seins, des Lebensentzugs, des Brechens, der Enttäuschung, des Maschine-Werdens oder der gestörten Effiziens - man muss den Blick ändern, um zu bemerken, wie aus dem Nicht-Ich diese Ich heraustritt, sich durch all dieses Unpersönliche hindurch rettet. ..."

Roger Willemsen - Der Knacks

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Es wäre still zu dieser Zeit

Es wäre still zu dieser Zeit
die Schneeflocken schluckten alle Geräusche
und bärgen sie in ihren Zwischenräumen.

Unten der Weihnachtsmarkt
Gewimmel in den Gassen
Buden, Lichter, Kramgesichter
mittendrin der größte Weihnachtsbaum, steif und starr.

Es hockte ein echter Engel auf seiner Spitze
und blickt auf den Penner am Parkhauseingang
mittendrin sitzt dieser, zusammen gesackt
es fehlen im Socken, Handschuhe, Schal und Mütze,
rot vor Kälte seine Haut.

Es wäre still zu dieser Zeit
und der Engel würde sich hinab stürzen wollen vor Scham.

2010 - NHF

Anmerkung: Leider bin ich nicht dazu gekommen selbst ein Bild des "größten Weihnachtsbaumes" zu schießen, da ich, wie man sich denken kann, nicht gerade ein Freund von Weihnachtsmärkten oder sonstigem Gedränge bin. Aber hier derweil ein kleiner Eindruck zum Ort des Geschehens.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Charles Bukowski - Manche Leute

Manche Leute drehen nie durch.
Ich liege manchmal 3 oder 4 Tage
hinter der Couch.
Dort finden sie mich dann.
>> Da liegt unser gefallener Engel<<,
sagen sie und schütten mir Wein
in den Hals, massieren mir die
Brust, besprenkeln mich mit
Ölen und Essenzen.

Jetzt komme ich hoch mit Gebrüll,
ich wüte, schlage um mich,
verfluche sie und das Universum
während sie draußen über den Rasen flüchten.
Danach fühle ich mich viel besser,
setze mich hin, zu einem Rührei mit
Toast, summe ein kleine Lied,
werde plötzlich so liebenswert
wie ein rosaroter vollgefressener
Wal.

Manche Leute drehen nie durch.
Was müssten die doch für ein
grauenhaftes Leben führen.

Charles Bukowski - Flinke Killer

-> siehe auch mein Ölbild zu Charles Bukowski (dieser links im Bild)

Freitag, 3. Dezember 2010

Variationen von Grau

Stille liegt auf dem Granit der Stadt
Platanengeäst filtert das herbstliche Sonnenlicht
Im Hell und Dunkel trippeln Tauben umher.

2010 - NHF

Montag, 29. November 2010

Cesare Pavese - Dichtung ...

"Dichtung tut nichts anderes, als dem Leben unsterbliches Dasein zu verleihen, und darum sind sie, die Werke der Dichtkunst, das Konzentrat von Zeitaltern, die darin lebendig aufbewahrt sind: lebendig, das ist das große Wort, das ich unter viel Mühe und häufigem Verzagen gefunden habe."
Cesare Pavese - Ein Leben im Spiegel der Briefe (1925-1935)

Samstag, 20. November 2010

Buchvorstellung 07 - Gunter Geltinger: Mensch Engel


Manchmal streife ich einfach durch die Bibliothek und nehme das eine oder andere Buch, das mir aus irgendeinem Grund auffällt in die Hand. So auch geschehen bei diesem Buch, worüber ich sehr froh bin, denn seit langem einmal wieder war ich richtig gepackt und etwas wehmütig als ich das Buch dann ausgelesen hatte.
Fasziniert hat mich zum einen die Sprache, die verschiedenen Ebenen, die sich immer wieder umkreisen, aber letztlich am meisten die Hauptfigur Engel und ihr innewohnender Schmerz; der Versuch des Ankommens in der Welt (so mit meinen Worten), des Seins innerhalb (s)einer Biografie, der letztlich sowohl gelingt als auch scheitert - ja nachdem, was man unter Biografie so verstehen mag. Ähnlich ist es mit einer Beschreibung hier - was sagt sie letztlich aus? - also am besten selber lesen und auf sich wirken lassen.
"...einfach hinterher und hinein in eine neues, anderes, vielleicht besseres Leben, in eine neue, andere, bessere, von ihm, Engel, mit weniger Fluchtversuchen und Trennungsszenen und Redeboykotten, dafür mit mehr Herzenswärme und Mitgefühl und Aufmerksamkeit gelebte so genannte Liebesbeziehung, in de rich Liebe, denkt er, dieses heikle, unhaltbare, immer nur im Konjunktiv, also in der Möglichkeitsform zu denkende, zu schreibende, zu fühlende Wort frei aussprechen und nicht nur aussprechen, sondern tatsächlich auch leben könnte als Folge und Ausdruck einer selbsterklärenden, sich selbst ernährenden Liebesbeziehung, in der ich Herzenswärme nicht empfände, sondern empfinde, Mitgefühl nicht hätte, sondern habe, Aufmerksamkeit nicht entgegenbrächte, sondern -bringe, in der ich sogar das Geschirr abräume und die Lichter hinter mir ausknipse und die Blumen gieße, nicht gösse."
Und hier noch der Link zur Literarischen Woche Bremen, wo einige Interviews/Podcasts mit Herrn Geltinger zu finden sind (siehe Ausgabe 4,5 und 6).

Freitag, 5. November 2010

kopftraumalose

sie ziehen entlang an bordsteinkanten
in deren dreckdurchzogenen furchen sie neue spuren sehen

rote blätter rauschen
der himmel kalt und klar

im rinnsteingitter klebt der tagesteil
als feuchte druckerschwärze

menschen ohne kopf gesehen
auf einer zeile klein dem abgrund nah

kopftraumalose
rennen nun wo andere stehn

menschen ohne kopf gesehen
die roten Blätter rauschen

manch schatten gleitet unbemerkt einher
in einer welt die wogt und bebt und hin und her

kopftraumaloses gedankenmeer

NHF - 2002/2010

Mittwoch, 3. November 2010

Arno Grün ...

zitiert Henry Miller:
"Wir sind so ‚gesund‘, daß, würden wir uns selbst auf der Straße begegnen, wir uns nicht erkennen würden, weil uns ein Selbst gegenübersteht, das uns Angst macht."
Arno Grün - Der Fremde in uns

Sonntag, 31. Oktober 2010

Wrackteile

flügel auf den wellen
auf und ab
gelber flügel aus metall
kleiner doppeldecker
propellersurrend abgeschmiert
voran ins seichte blau

grüne wasserschnecken
über ANNABELL her ziehen
fest angeschnallt noch der pilot
erstarrte linien im gesicht
hauch von purpurrot
augen ohne widerhall im tod

der zweite sitz blieb unbesetzt
kein copilot anbei und
um das wrack herum
weiße blätter fliegen
massiges gemetzel
letzter liebelei

NHF-2003

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Buchvorstellung 06 - C. W. Aigner: Logik der Wolken


Wie mag man den Inhalt dieses Buches beschreiben - als mehr oder wenig komplexe Prosaskizzen - zwischen inneren Gedanken und Weltbeschreibung?
Ich nehme das Buch immer wieder gerne zur Hand um ein bisschen zu träumen, zu denken, abzuschweifen...
"Was die meisten Menschen sagen was sie sehen, beunruhigt mich, denn ich kann es nicht sehen. Und es beunruhigt mich noch mehr, dass sie genau Bescheid darüber zu wissen scheinen, was sie sehen; und dass dies die Realität sei, auf der die menschliche Welt aufgebaut ist." (S.22)

"Mondhäutchen auf dem gespannten Vormittagsblau."(S.38)

"Die Sonne in der Farbe eines Brathuhns, bei Brandwolkenkrusten, in den Horizont gedreht; da fließt buttergelbes zerlassenes Licht." (S.69) 
Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Donnerstag, 21. Oktober 2010

...Fische

"Heute frage ich mich, ob es einen einzigen Fisch gibt, der gestorben ist, weil er alt war und nicht weiter wollte. Und wie geht das vor sich, wenn ein Fisch nach Art der Fische stirbt? Sucht er dann den Grund des Meeres auf und legt sich nieder? Oder Wie? Ich bin sicher, es gibt keinen einzigen Fisch, in allen Meeren nicht, der wie ein Fisch gestorben ist. Sie wissen nicht einmal, daß sie immer nur von einem Tag zum anderen leben. Deswegen sehen sie auch als Tote so hellwach und alarmiert aus. Auch jetzt wieder! Die offenen Kiemen! Die aufgerissenen Augen! Die schnappend geöffneten Lippen!"
Wilhelm Genazino - Die Obdachlosigkeit der Fische

Vielleicht ist es auch deswegen so schön und befriedigend Fische zu malen. Hier der Link zu einer meiner Fischzeiten.

Samstag, 16. Oktober 2010

Entfernungen

Spätherbst - Sonne auf den Stühlen und Tischen des Cafés.
Eine Frau in rotem Blazer geht langsam mit ihrem Hund vorbei.
Handtasche unter die Schulter geklemmt, aufrechte Haltung, die grauen Haare in gepflegter Frisur stoppt sie an dem runden Mülleimer neben dem Café.
Langsam beugt sie sich hinunter - ihre Beute: eine Plastikflasche mit einem Rest Cola, der Schraubverschluss dick mit gelbem Senf ummantelt.
Kurz begutachtet die Frau die Flasche, dreht sie in den Händen, richtet sich auf, streicht sich dann mit einer Hand den Rock glatt und geht mit zügigen Schritten weiter zum nächsten Mülleimer.
Ihr Hund tänzelt und wedelt mit dem Schwanz.

2010-NHF

Montag, 11. Oktober 2010

...im Zickzack

"Wenn ich an mich zurückdenke, sehe ich nicht ein Ich. Ich sehe viele. Manchmal bin ich erstaunt über ein bestimmtes Ich, das ich offenbare. Wir sind nicht immer ein einziges Ich. Wir machen keine Evolution durch, die immer hübsch vorwärts- und aufwärtsgeht. Es geht im Zickzack, auf und ab."
Henry Miller - Mein Leben und meine Welt

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ich träumte


Ich träumte
Teil eines Bootes zu sein
Tief in den Planken
ein kleiner Nagel
Backbord am Bug

Sommersprossenrostig
ich die Welt anblicke
nah am Wasser
nah am Innern

Salz auf mir krustet
Blut an mir trocknet
Algen mich kitzeln

Am Strand tippeln die Möwen umher
eine pickte nach mir

2005-NHF

Donnerstag, 30. September 2010

Buchvorstellung 05 - Nicolas Michel: Emilies letzte Reise


Das erste Buch, das ich von Nicolas Michel entdeckt habe, heißt "Die Blaue" und ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr empfehlenswert. "Emilies letzte Reise" jedoch ist noch schöner. Die Geschichte wird rückwärts erzählt und beginnt mit einer Leiche, die auf ihrem Weg den verschiedensten Menschen begegnet und deren Geschichten miteinander verbindet. Hier nun ein kleiner Auszug:
"Sie scheint es entsagend geschehen zu lassen. Sie kämpft nicht mehr, sie überläßt sich der Strömung, die sie von einem zum anderen Ort schiebt, wie der Zufall es will oder die Sterne oder der Wind oder der Mond.
Sie lächelt, ihr Lächeln ist noch feiner als dasjenige, das sie zu Lebzeiten trug.
Ihr Tod war ein aufregendes Abenteuer, eine letzte Clownerie, und sie ist stolz darauf. Nicht viele Leute können sich eines solchen Todes rühmen. Sie hatte die Zeit, mit den Menschen, die ihr auf diesem Weg unterkamen, ihre Späße zu treiben. Sie hat es ausgekostet bis zum letzten Augenblick vor ihrer Verwesung.
Sie hätte es sich sehr verübelt, wenn sie ab dem Zeitpunkt ihres Todes einfach nur aufgehört hätte, zu sein. Das entsprach nicht ihrer Auffassung von Leben. Hätte sie darauf verzichtet, ihren Tod zu einem Seiltanz zu machen, wäre das Verrat an ihren sechsundzwanzig irdischen Jahren gewesen. ..."
 Nicolas Michel - Emilies letzte Reise

Dienstag, 28. September 2010

Sarah Kirsch - Auf einer Klippe

Das Meer brüllte im
Wind und übertraf ihn.
Ich ging
In seinem und seinem
Schreien und Wehen
Auf Lavastufen. Der
Wind ist alt er
Lachte als er mich
Sah. Übergab mir der
Meergänse Schrei.
Sarah Kirsch - Luftspringerin

Montag, 20. September 2010

Geblendeter Blick oder Wege aus Teheran


(Blick auf das Elbursgebirge - NHF - 2003)

am ausläufer des elbursgebirges beginnt die reise
voran auf baumgesäumter straße
schieben sich laute autokolonnen bergan
beiderseits quellwasserkanäle stadtabwärts fließen
langsam bleibt die welt zurück
der geruch braunen gesteins durchzieht die klare luft
esel mit lastkörben das heu im maul auf steilen pfaden
hoch oben adlerkreise im blau
der weg wird karg ist grau
ankunft nach zwei stunden
rundumblick doch die augen schmerzen
meterhoch der schnee
unberührte decken halten still
der schlaf ist tief
gleißendes weiß
doch zu erkennen
trotz des geblendeten blicks
bunte blüten im schnee
hier und da und dort
die schwarzen tücher der frauen
wehen fort

NHF - 2003/2010

Montag, 13. September 2010

Kastanienübergabe

"An einem Herbsttag war ich in einer Kastanienallee unterwegs. Es ging gegen Mittag zu, die Sonne schien schwach. In der Allee waren nur wenige Menschen unterwegs, außer mir nur ein älteres Paar und eine Mutter mit ihrem Kleinkind. Der Kinderwagen der Mutter war leer, denn das Kind lief freudig umher. Die Lust am Gehen war groß, weil der Weg übersät war mit schönen großen Kastanienblättern und frisch entschlüpften oder halb entschlüpften Kastanien. Gibt es etwas Glanzvolleres als eine Kastanie, die sich in der Soeben geöffneten Schale zeigt? Schon Kinder fangen an zu sammeln; es ist, als hätten sie schon frühzeitig eine Ahnung, wo sich Poesie zeigt. Die Mutter hatte sich auf einer Bank niedergelassen und betrachtete die Hingabe ihres Kindes. Das Kind hatte einen Drang, die frisch gefundenen Kastanien seiner Mutter zu bringen, die sie sorgfältig aufbewahrte. Eine Weile dachte ich, die Lust des Kindes geht von der Glätte und vielleicht auch von der Kühle der Kastanien aus. Aber dann sah ich, daß es für das Kind (sozusagen) ein festlicher Augenblick war, wenn es vor seiner Mutter erschien und ihr eine neue Kastanie in den Schoß legte. Nach einige Zeit war ich sicher, daß nicht die Glätte und nicht die Kühle der Kastanien der ausschlaggebende Punkt war, sondern der hell schimmernde Glanz auf jeder einzelnen Kastanie, ihre polierte und wie glatt geriebene Außenhülle. Im Augenblick einer Kastanienübergabe glänzten auch die Augen des Kindes und die der Mutter. Vermutlich war dieses Glänzen der Grund warum mir eine Formulierung von Freud wieder einfiel, von deren Wahrheit ich seit der ersten Lektüre überzeugt bin. Freud schreibt, der Grund - oder der Anlaß - für das Gelingen einer befriedigend narzißtischen Beziehung zwischen Mutter und Kind sei der wiederkehrende >>Glanz im Auge der Mutter<<. Das Kinde liegt an der Brust, es trinkt und schaut von Zeit zu Zeit in die Höhe - und was sieht es? - es sieht den Glanz im Auge der Mutter."
aus: Wilhelm Genazino, Die Belebung der toten Winkel, Franfurter Poetikvorlesungen/Hanser, S. 19f

Ein kleines Ölbild meiner ersten Kastanie aus diesem Jahr und was es mit ihr auf sich hat findet sich hier. :-)

Mittwoch, 8. September 2010

auf die sanfteste Art


ihre augen
streifen den horizont
und ziehen mit fernen segeln umher

nackte füße
in den sand gegraben
wellenumspült sie sinkt

helles licht
auf bloßen lidern
still vor der blauen see

sie beugt sich
wasser zu schöpfen
um ihre tränen zu füllen

so ist es traurig zu sein
auf die sanfteste art 

2003-NHF

Mittwoch, 1. September 2010

Gelehrsamkeit der Sensibiliät

"Es gibt eine Gelehrsamkeit der Erkenntnis, die im eigentlichen Sinne das ist, was man Gelehrsamkeit nennt, und eine Gelehrsamkeit des Verstandes, die das ist, was man Kultur nennt. Es gibt aber auch eine Gelehrsamkeit der Sensibiliät.
Die Gelehrsamkeit der Sensibiliät hat nichts zu tun mit der Lebenserfahrung. Die Lebenserfahrung lehrt uns nichts, so wie die Geschichte über nichts informiert. Die wahre Erfahrung besteht darin, den Kontakt mit der Wirklichkeit einzuschränken und die Analyse dieses Kontakts zu verstärken. Sie gelangt die Sensibilität in die Breite und in die Tiefe, weil alles in uns liegt; es genügt, daß wir es suchen und zu suchen verstehen."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe (389)

Dienstag, 24. August 2010

schmetterling


kleiner schmetterling
durfte nicht sein

weißer schmerz
kaum wahrnehmbarer spitze

ein erbeben - kurz
hauch von leben

nur der wind - so weich
trügerisch todesgleich

nüchterner wille im außen
bestimmte - kein sein

kleiner schmetterling
nun für immer mein
NHF - 2002/2010

Freitag, 20. August 2010

Buchvorstelllung 04 - Brassai: Henry Miller, Happy Rock



Ein weiteres meiner Lieblingsbücher. Als Fan von Henry Miller hatte ich damals schon bald all auf deutsch erhältlichen Bücher gelesen und habe dann begonnen mir die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzen Bücher heraus zu suchen. "Happy Rock" gehört(e?) dazu. Geschrieben wurde es von Brassai, es sind Gespräche vornehmlich zwischen den beiden über einen Zeitraum von 20 Jahren (1953-1973). Ich finde dies Buch gibt einen sehr lebendigen Eindruck von Henry Miller wieder und ist ein Muss für alle Fans von ihm. Also, viel Spaß beim lesen.
"Yesterday at the Hotel Montfleury, Henry, already up, complains he hasn't slept well. And he continous to grumble: "I have no gift a s a speaker. Talking doesn't come easy to me. So I'm always hesitant to express myself 'live', especially in French. I mumble. I always feel inferior to that other self who expresses himself im my writings. And, on most questions, I've already replied better in my books. This will probably be my last broadcast on TV.""
(Chapter 9 - Tuesday, May 10, 1960)

Montag, 16. August 2010

Ich - Geschichten

"Es ist nicht die Zeit für Ich – Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."
Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein

Donnerstag, 5. August 2010

ohne stimme

ohne stimme
durch die welt zu gehen
wörter rieselnd ohne klang
fad von ort zu ort zu ziehen
menschenmassenwahn

ohne stimme
kopfgesang
schwillt und rauscht
wie ein orkan
über allem wehend

sinnenfragenlahm

ohne stimme
leben voller überdruss
und stets doch wartend
es ist ein muss

ohne stimme
welch genuss
jedes echo wird zum
schmerzesgruss

NHF-2002/2010

Montag, 2. August 2010

Rainer Maria Rilke - Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Und heute mal eines meiner Lieblingsgedichte und eines meiner Lieblingsfotos von Rilke.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Rainer Maria Rilke

Freitag, 30. Juli 2010

schwarzes flüstern

schwarzes flüstern
durch die nacht hin schleicht

kühle nacht
gefercht um raum und zeit

das schwarz wird leiser
der wind trägt es nicht

eine stimme schwach und heiser
sich sehnend ins licht

kein schweben mehr
nur schwarz

das schwarz verdeckt die sicht
kein licht mehr

nur ein flüstern noch
kein ich

NHF-2002/2010

Montag, 26. Juli 2010

... frei vom Schmutz der Form

"Einmal im Monat spülen die Mönche die Druckstöcke … Allerdings schmutzig sind nicht die Hölzer, verunreinigt ist die Tinte.Bevor sie auf Papier kam, war sie frei vom Schmutz der Form. War ohne Linien, ohne Grenzen. War rein wie die Rede der Gottheit. War Schau des Tausendfältigen."
Dimitri Ladischensky – Mare No.37

Freitag, 23. Juli 2010

schenkt mit ein blau

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im weichenden dunst des morgens
trübe und milchig sich wiegend
von träumen gesättigt

schenkt mir ein blau

das blau des meeres zum sonnenaufgang
klar und schimmernd
auf dem gerippten kalk der muscheln spielend
und das blau des meeres im heißen mittagswind
dunkel und kräftig unter gekräuselter oberfläche
fraktale welten gebärend

schenkt mir ein blau

das blau des meeres am bewölkten nachmittag
zweigesichtig - nach unten voll fülle
nach oben den himmel abbildend
und das blau des meeres am abend
durchwirkt vom grün der algenwälder
wenn gischtkronenwellen dem strand zuschlagen

schenkt mir ein blau

das blau des meeres im dunkel der nacht
ruhig fast schwarz
vom licht der sterne geschmückt

NHF-2003

Dienstag, 20. Juli 2010

Buchvorstelllung 03 - Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit


Dies Buch ist ganz frisch auf dem Markt. Als ich davon gehört habe war mein erster Gedanke: Wieso ist nicht schon eher jemand darauf gekommen? Worum es geht: Alle Gemälde, die Marcel Proust in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" benannt hat, werden, zusammen mit der betreffenden Textstelle aufgeführt. Ein besonderer Leckerbissen also, wenn ich mir den Band auch gerne in einem größeren Format, bei dem die Bilder noch besser zur Geltung kommen könnten, anschauen würde. Und man lernt nie aus:

"Ekphrasis ist der Terminus, den die klassische Rhetorik für diese Verbindung aus Worten und Bildern reserviert hat, einen Zustand der Nachahmung, den der Dichter und Kritiker John Hollander >>Mimesis der Mimesis<< nennt. Es gibt zwei grundlegende Modi der Ekphrasis, und Proust setzt beide ein. Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imginären Kunstwerks. [...] Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasiekonstrukt, erdacht von Marcel Proust. Tatsächliche Ekphrasis meint die Evozierung eines existierenden Kunstwerks." (S.20)


James Abbott McNeill Whistler, Zwielicht in Opal:Trouville, 1865 (S.120/121) aus: Eric Karpeles - Marcel Proust und die Gemälde der Verlorenen Zeit

Montag, 19. Juli 2010

sonderzüge für umsiedler

fahrplan-anordnung nr. 587 der generaldirektion der ostbahn vom 15. september 1942: >>sonderzüge für umsiedler<<

9228 von sedzszwo nach treblinka
9229 leerzug
9230 von szydlowiec nach treblinka
9231 leerzug
9232 von sydlowiec nach treblinka
9233 leerzug
9234 von kosienice nach treblinka
9235 leerzug
epitaph (3). 1986
Heimrad Bäcker - aus: Visuelle Poesie

Mittwoch, 14. Juli 2010

stumme zeugen

auf hölzerner oberfläche
fahles sonnenlicht einfällt
in hell und dunkel dimensionierte welt
mancherorts
vereinzelt splitter
hoch aufgerichtet
gedankengitter
ein hauch menschlicher wärme zur rechten
weißes blatt anbei
die feder schwarz
fast eingetrocknet
tintenblutsspuren
krakelei
die schatten schreiten fort
stille fließt einher
das stück des lebens nicht bedacht
gedanke im raum ward unhaltbar
zartes gefühl leise verweht
das letzte wort kaum mehr belebt
auf hölzerner oberfläche
weißes blatt
verloren treibt umher
ein stuhl einsam nun im zeitenmeer
nur mancherorts
vereinzelt splitter
gleich stummen zeugen
aufrecht stehn

NHF-2003

Sonntag, 11. Juli 2010

Spiegelungen

"Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte."
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Donnerstag, 8. Juli 2010

Buchvorstelllung 02 - Bettina Gundermann - Lysander


Eines meiner Lieblingsbücher, das, glaube ich, leider gar nicht sehr bekannt ist. Aber dafür umso lesenswerter. Worum es geht? Um Freundschaft, um Liebe, um einen, den (mißgestalteten) Lysander, der versucht in die Welt zu gelangen, aus dem Verborgenen heraus zu kommen. Beeindruckt hat mich die Sprache; roh, direkt ohne platt zu wirken. Die Wörter haben Kraft, beschönigen nicht, immer am Rand des "gerade noch". Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen und werde es sicher auch noch öfter lesen. Auch die gebundene Ausgabe ist erschwinglich und es lohnt sich, sich diese zuzulegen.

"Im neuen Heim gibt es Zweibettzimmer und in jedem Zimmer hängt ein Spiegel. Auch in den Waschräumen gibt es sie. Das ist Lysander neu, sich in dieser Größe und Schärfe und Deutlichkeit zu betrachten. Nicht wegen dir gibt es hier keine Spiegel, hatte ihm eine der Frauen aus dem ersten Heim erklärt, sobald er alt genug war. Er hatte sie nicht danach gefragt. Sondern wegen Gott, hatte sie gesagt. Mag Gott keine Spiegel?, fragte Lysander? Gott ist egal, wie die Menschen aussehen, er liebt jedes Kind, hatte die Frau geantwortet. Und als er sechs war und lesen konnte, da las er es jeden Tag, dreimal, so wie er jetzt das erste Mal vor einem Spiegel steht und zittert, weil dieses gestochen scharfe Bild seines Gesichts, seines Körpers, strahlend hell, ihm die Kälte durch den Leib peitscht. ..."
Bettina Gundermann - Lysander

Freitag, 2. Juli 2010

Meeresschmerz

Das Meer ist traurig heute
seine Wasser dunkel
zwischen den Schichten von Blau
balancieren weiße Segel
ritzen mit ihren Spitzen den Himmel auf.

Fließt von dort der Schmerz ins Meer?

NHF-2005

Dienstag, 29. Juni 2010

... über das Schreiben

"Ich gehe beim Schreiben nicht über meine Arbeit, wie es der peinlich sorgfältige Fraenkel mit seinen Zeichnungen tut, sondern ich erobere immer wieder neuen Boden, bis ich die Ebene des exakten Ausdrucks erreicht habe; ich lasse alles Tasten und Probieren sein, führe es aber in einer Art spiralförmiger Umschreibung aufwärts, bis es zu einem soliden Unterbau oder einem Gerüst geworden ist, je nachdem. Und dies ist, fällt mir auf, genau das Ritual des Lebens, wie es ein Mensch praktiziert, der sich entwickelt. Er kehrt, bildlich gesprochen, nicht zurück, um seine Irrtümer und Fehler zu korrigieren; er transponiert sie, konvertiert sie zu Tugenden. Er macht Flügel aus seinen toten Larvenhüllen."
Henry Miller - Malen ist Lieben

Und hier geht es zu meinem Portrait von Henry Miller. Eine kleine Lobpreisung sozusagen. Ob es ihm gefallen würde?

Mittwoch, 23. Juni 2010

Portrait ...

eines Mannes
in vanilligem Strick
lässig
fortwährend
versteckt
auf der mit braunem Kunstleder
bezogenen Bank
leichte Brille
auf dominanter Nase
Silber im Haar
und hin und wieder
die Zigarette
im Mundwinkel
täuscht die Ruhe so wenig
nur die schlanken Hände
sagen mehr
so hält er sie dezent bedeckt

NHF-2002

Montag, 21. Juni 2010

Oxford: Just talking oder Über die Wirkung von Worten

"Eingegossen und eingeschlossen in den Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, daß sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, daß es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem anderen wirklich zugehört? Ihn mit seinem Worten in mich hineingelassen, so daß mein innerer Strom umgeleitet worden wäre?"
Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Freitag, 18. Juni 2010

Buchvorstellung 01 - Rajzel Zychlinski: di lider



So komme ich zu meiner ersten "Buchvorstellung", dies in Anführungsstrichen, da es sich vielmehr um die Vorstellung einer CD mit vertonten Gedichten von Rajzel Zychlinski (di Lider, Gedichte 1928-1991) handelt. Ich kannte die Autorin zuvor nicht und habe dies Kleinod sozusagen im vorbeigehen zu einem wirklich lächerlichen Preis erstanden, der mich ein bisschen beschämte.
Kurz gesagt ich finde die CD himmlisch; Musik und auch die Art des Gedichtvortrags ergeben ein stimmiges Ganzes und unterstreichen Tonart, Ausdruckskraft und Bildlichkeit der Gedichte sehr gut.

Gott hat verborgen sein Gesicht

Alle Wege haben zum Tod geführt,
alle Wege.
Alle Winde haben Verrat geatmet,
alle Winde.
Auf allen Schwellen haben böse Hunde gebellt,
auf allen Schwellen.
Alle Wasser haben über uns gelacht,
alle Wasser.
Alle Nächte wurden fett von unserem Schrecken,
alle Nächte.
Und die Himmel waren kahl und leer,
alle Himmel.
Rajzel Zychlinski

Dienstag, 15. Juni 2010

Portrait ...

einer Frau
auf Abwegen
am kalten Tisch
allein
Regen entlang der Scheiben
verzerrtes Gesicht
rote Lippen
leuchtend
vor weißem Tuch
eingeschnürt der Atem
wartend
ein Zittern im Haar
sie wechselt den Platz
dem Blick zu entgehen
an der Scheibe
gebrochen
roter Tupfer
auf leerem Grund
einer Frau
mit geschminktem Mund

NHF-2002

Donnerstag, 10. Juni 2010

... Widersprüche

"Und ich befürchte keineswegs, mir zu widersprechen, denn ich weiß, daß die Widersprüche nur das Gestammel, eine Sprache darstellen, die ihren Gegenstand noch nicht zu erfassen vermag. Ein jeder, der Widerspruch fürchtet und logisch bleibt, tötet in sich das Leben (ein jeder, der nicht den schmerzhaften Versuch macht, diese Wachstumskrankheit zu überwinden; ein jeder, der es ablehnt Geburtshelfer zu sein), ein jeder, der in seinem Inneren das dunkle Werden fürchtet, das ihn mit dem Weltall verbindet – einem Weltall, das sich noch nicht formulieren läßt, da ja die beschränkte Sprache es nur tastend erfassen kann, wobei sie hier ein Stück Wand, dort eine Kante, dort einen Sockel, nicht aber die mächtige Kathedrale entdeckt, die mehr ist als die Stoffe – ein jeder, der nur die Formel sucht, nur das Formulierbare verwendet, ist bereits ein Toter."
Antoine der Saint-Exupery - Carnets

Sonntag, 6. Juni 2010

das meer hängt an der wand

das meer hängt an der wand
und rauscht mir leise – gegenüber
am morgen grüße ich die möwen
und am abend schenke ich mir
einen schluck vom meer ins glas
dort schimmert es türkis und smaragdgrün
hält orangegoldene fischschuppen in der schwebe
zwischendurch schüttele ich das meer ein bisschen
und es gluckert dumpf wie eine flasche buttermilch
doch die meiste Zeit bin ich ganz still
beobachte wie das meer anthrazitfarbene wale wiegt
oder gehe in leuchtenden korallengärten spazieren
so grüßt mich mein meer
und flüstert vertraulich mir zu

NHF-2003

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sensibilität

"Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität." 
Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Montag, 31. Mai 2010

unter der Oberfläche

ganz nah
unter der oberfläche
treibe ich

streife
mit der nasenspitze
den türkisfarbenen meeressaum

sehe
den himmel fern
die welt ganz nah

im ohr das kräuseln der wellen
das klakkern der muscheln
das prasseln der sandkörner
am nahen meeresgrund

ziehe
durch den kristallinen schleier
der die welt von meiner trennt

zeichne
feine linien
in die wiegende see

während
transparentblaue schatten
unermüdlich auf mir spielen

manchmal
ein sonnenstrahl
die lippen berührt
eine welle
dem strand zurollt

und wieder das kräuseln der wellen
das klakkern der muscheln
das prasseln der sandkörner
am nahen meeresgrund

ganz nah
unter der oberfläche
treibe ich

NHF-2003

Sonntag, 30. Mai 2010

Innenansicht

Wie ich finde ein sehr lesenswertes Buch!

"… plumps! mein gehirn platscht aus meinem kopf! ich bin kein bißchen erstaunt, nicht im geringsten schockiert! ich besichtige meine granulationes arachnoidales und die verzweigung der a. meningea media. eine köstliche indiskretion!"

Gerhard Roth - aus: Die Autobiographie des Albert Einstein

Freitag, 28. Mai 2010

Meerestränen

das meer ist unruhig
schlägt seine finger mir zu
schmettert sein lied mir entgegen

dichtwabbernde dunstnebelzüge
gespickt mit gläsernen meerestropfen
ziehen die Klippe entlang zu mir hinauf

schmirgeln mich
zur knochensubstanz

NHF-2003

Donnerstag, 27. Mai 2010

Einstieg mit Proust

Nachdem ich meinen alten Blog nicht-gerade-fremd-artig erst mal eingeschmolzen habe und komplett umbauen werde, eröffne ich nun das Literaturhörnchen, um eigene Gedichte, aber auch diejenigen anderer Autoren und Autorinnen, Textauszüge meiner Lieblinge, Buchvorstellungen, diverse Listen und Übersichten, Verbindungen zwischen Literatur und Kunst und einiges mehr, vorstellen zu können.

Nach all den Vorarbeiten aber nun die Frage: Womit fange ich eigentlich an?

grübel, grübel, grübel

Ich entscheide mich für einen Textauszug von Proust als Einstimmung.

"In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können."

Marcel Proust – aus: Die wiedergefundene Zeit