Montag, 30. Juni 2014

inkrementell eingreifendes


die füße setzen geräuschlos auf. sie gehen noch schneller. aus den augenwinkeln heraus beobachten die augen ihrerseits
unvorhergesehene spiegelungen im schaufenster. keine möglichkeit zwischen inhalt und reflektion zu unterscheiden. raumumgreifendzeitumspannend dehnt sich das denken unproportional zu allen bewegungen aus. notfallprogramm. etwas - kommt näher.
alle sensoren empfangsbereit. schneller schneller. ein schwarzer terrier schaut mit knopfaugen. etwas - macht ein geräusch. das tier dreht den kopf nach rechts. dann wieder zurück.
er lächelt mich an. können hunde lächeln? meine füße stolpern. ich höre den kies unter mir knirschen. endstation heutiger wahrnehmungen.
zusammenfügung erneut abgeschlossen. punkt

NHF - 2011

Mittwoch, 4. Juni 2014

Strandzubehör


transparent pulsierende quallenleiber
weitläufige muschelstädte
grünbraune seetangstraßen
kleines krebsgetier
wurmgekräusel im sand
gedörrte qietscheentchen
neben sonnenmilch
aufblasbare palmeninsel vor
wassereisstielansammlung
unterspülte burgen aus sand
darin ertrinkende plastikritter
ein eimer in blau
gefüllte getränkekühltasche
vor sandwichgebirge
streifenliegelaken leer
sonnenschirm und windschutz
ein rotes ensemble
eingegraben
im menschenmeer

NHF - 2003

Mittwoch, 30. April 2014

Peter Wawerzinek

Aufgrund meiner Liebe zum Meer (s.a. meine Gedichte Meereszyklus) hier nun eine Textstelle von Peter Wawerzinek, die mir sehr gut gefällt.
"Meine Haut war vom Sand blankgerieben. In meinen Knochen rauschte das Meer. Meine Hände waren auf dem Rücken gerifft. Hinter der Ohren wuchs mir türkises Moos. Meine Lippen schmeckten nach Salz. Meine Füße gingen im Schaum. Die Gischt war bisweilen wie Eigelb getönt. Ich trug die Wolken als Schmuck auf dem Kopf. Mein war der Sterne Wimmern. Mir galt der totenstille Teil der Nacht. Ich vernahm die Schreie der Versunkenen aus der Meerestiefe. Ich hielt gestrandete Quallen in meinen Armen und wiegte sie in den ewigen Schlaf. Das Böse schlug wie Wellen auf mich ein und glitt mir wie Wasser den Buckel herunter."

aus: Peter Wawerzinek - Das Kind das ich war

Mittwoch, 5. Februar 2014

Wolfgang Borchert - Liebeslied

Weil nun die Nacht kommt,
bleib ich bei dir.
Was ich dir sein kann,
geb ich dir.

Frage mich niemals:
woher und wohin -
nimm meine Liebe,
nimm mich ganz hin!

Sei eine Nacht lang
zärtlich zu mir.
Denn eine Nacht nur
bleib ich bei dir.

Freitag, 29. November 2013

Schneewittchenfloß


Für eine eventuelle Meerfahrt
habe ich mir ein Floß gebaut.
Schneewittchenfloß nannte es jemand.
Ich verschluckte meine Wut darüber.
Auf einer verrosteten Metallplatte
befinden sich ein metallenes Segel, zwei Speere,
einer aufrecht, einer liegend, teilweise mit einem weißen Tuch umhüllt.
An einer Seite ist ein Stück Holz eingearbeitet, Moos hängt
von seiner dem Wasser zugewandten Seite.
Dieses Schneewittchen liegt in keinem Sarg aus Glas,
es fährt bewaffnet auf den Meeren umher.
Grüßt es mir!

NHF - 2013


Das Schneewittchenfloß, das mich zu diesem Gedicht angeregt hat, gibt es tatsächlich, zuvor wurde es auch als Schwarzwaldschifferl bezeichnet; zu sehen hier.

Sonntag, 24. November 2013

Spaziergänge im Trockenen ...

mit Judith Hermann (in Berlin) und Bettina Gundermann (in Dortmund).
Nebenbei bemerkt zwei meiner Lieblinsautorinnen; (m)eine Buchvorstellung von Bettina Gundermann findet Ihr hier.

So bin ich in den letzten Tagen 23 km gewandert und nicht nass geworden. :-)

Vielleicht macht Ihr euch auch auf den Weg? Ja, los gehts!
(Weitere interessante Wege auf den Literatouren vom Literatourport.)

Donnerstag, 14. November 2013

... in einem Halbdunkel

Wir wandeln miteinander in einem Halbdunkel, in dem keiner die Züge des anderen genau erkennen kann. Nur von Zeit zu Zeit, durch ein Erlebnis, das wir mit dem Weggenossen haben, oder durch ein Wort, das zwischen uns fällt, steht er für einen Augenblick neben uns, wie von einem Blitz erleuchtet. Da sehen wir ihn, wie er ist.

Albert Schweitzer

Montag, 1. April 2013

1000 Regentropfen


Heute bin ich 1000 Regentropfen
die vom Himmel fallen
zuerst leise und zaghaft

in der Verdichtung
pochend

angesammelt
falle ich
falle ich
falle ich
platsche auf die Pflaster

platsche auf
ringsherum

werde nicht gezähmt
zerspringe kristallgleich in abertausende Wassermoleküle

unabwendbar ganz nah besehen
wäre ich für Augenblicke überall.

NHF - 2013

Freitag, 15. März 2013

Buchvorstellung 14 - Ulla Lachauer - Magdalenas Blau

Untertitel: Das Leben einer blinden Gärtnerin.


Eines schönen Tages spazierte ich so durch meine Heimatstadt, hatte gerade eine weniger schöne zwischenmenschliche Erfahrung gemacht, war daher etwas melancholisch, und ging, um mich zu zerstreuen, in einen Oxfam Laden. Dort finde ich oft etwas, um meine Seele zu streicheln. Und neben einem kleinen Robert Walser, entdeckte ich dieses Buch. Wäre ich anderer Stimmung gewesen, hätte ich wohl nicht hinein geschaut aber so nahm ich es mit zur Kasse.

Und es ist eines der wenigen Bücher, der letzten Zeit, die mich wirklich gepackt haben, doch nachdem ich es ganz gelesen hatte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich es tatsächlich hier vorstellen mag, denn es gibt für mich einen Bruch im Buch, wie eine Art blinder Fleck und so froh es mich am Anfang gestimmt hat, so melancholisch wurde ich gegen Ende und konnte mir nicht genau erklären warum.
ABER letztlich passt genau dies zu der Geschichte (s.u.) und eigentlich ist es meiner Meinung nach gerade das, was ein gutes Buch mitunter ausmacht, wenn sich nämlich die, durch die Art und Weise der schriftstellerischen Darstellung hervor gerufene, jedoch nicht explizit benannten, Stimmungen und Gefühle, in einem selbst ausbreiten, die erzählte Geschichte in einem selbst lebendig wird und eine Eigendynamik entfaltet. Ja, sie sind gefährlich diese Bücher!

Doch worum geht es nun inhaltlich? Das Buch handelt von Magdalena Eglin (Pseudonym), die nur einen kleinen Sehrest hat und im Laufe ihres Lebens immer mehr erblindet.
Ihre Kindheit (geboren 1933), die Kriegsjahre, die Zeit der Ausbildung, wie sie ihren Mann kennen lernt und wie die beiden sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen, wie dann auch ihr Sohn geboren wird, der den gleichen erblich bedingten Sehfehler hat, wird von der Autorin Ulla Lachauer sehr anschaulich dargestellt.
In den Verlauf der Lebensgeschichte sind dabei Einschübe der "gegenwärtigen Zeit" von Januar bis Oktober (bis zur Herzoperation Eglins), in denen die Gärtnerin Eglin spricht und sich erinnert, eingefügt
Magdalena Eglin wirft sich geradezu ins Leben, manchmal drücken die Sorgen der Kriegsjahre und später der Alltagsforderungen, und dennoch ist es ein Buch voller Humor und großem Mut und einem noch größeren Willen an die Welt.
Die Geschichte von Magdalena Eglin lässt einen das Leben lieben, man will wild und ungezähmt sein, so wie sie es an vielen Stellen ist. Und wohl gerade weil die Hauptfigur mit den Augen schlecht sieht, ist es ein sehr visuelles Buch, es eröffnen sich andere Arten von "Welt-Sehen" und "Welt-Erfassen".

"Ich hatte ein Spiel erfunden, das ging so: Rein ins Münster, ins Dunkle, wieder raus auf den Markt, ins Helle. Wieder ins Dunkle, und wieder ins Helle. Helldunkelhelldunkelhelldunkel - das war eine Seligkeit für die Augen, besonders bei Hitze oder starkem Frost, wenn zwischen daußen und drinnen auch noch ein Temperaturunterschied war. Kühlwarm, kühlwarm, was war ein Gefühl auf der Haut, sie prickelte, und ich glaubte zu spüren, wie das Blut in den Adern fließt, am Handgelenk, da, wo der Puls ist, den die Lehrerin mir gezeigt hat. Helldunkel, kühlwarm." 

aus: Ulla Lachauer, Magdalenas Blau, S.50 (geb. Ausgabe)

Donnerstag, 7. Februar 2013

Gehe ...

Gehe vertrauensvoll in die Richtung deiner Träume! Führe das Leben, das du dir vorgestellt hast. Wenn du dein Leben vereinfachst, werden auch die Gesetze des Lebens einfacher.

Henry David Thoreau

Sonntag, 23. Dezember 2012

Geschichte meiner Erfahrung

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung ...

aus: Mein Name sei Gantenbein, Max Frisch

Montag, 26. November 2012

Blickrichtung Meer


Ich blicke auf meine Hände
und denke mich ans Meer
lasse salzige Perlen
auf kleinen
Kräuselwellen
dem Strand
zurollen
flüstere Geheimes
in leere Schneckenhäuser
grabe meine Hände
die sich noch immer
danach sehnen dich erneut zu berühren
in den atmenden Sand
und täusche mich so über die Realität hinweg.

NHF - 2012

Sonntag, 4. November 2012

Fragen über Fragen hin zu Proust

Ich weiß leider nicht, ob es tatsächlich die Original-Fragen von Proust sind (für Tipps bin ich sehr dankbar), aber mir macht es dennoch Spaß sie hier zu posten und mich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern.
Derweil lese ich - noch immer (nicht weil ich es so langwierig finde, wie oft beschrieben, sondern weil ich stets mehrere Bücher gleichzeitig lese und es daher langsam vorangeht) - den ersten Teil (Combray) von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Wie lange mag es wohl dauern alle Bände zu lesen? Es steht auf meiner Liste der Dinge, die ich im Leben machen möchte ... also weiter ... und zwischendurch immer mal wieder das Fragen stellen und wundern nicht vergessen...


Proust Fragebogen

Wo möchten Sie leben?
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Was ist für Sie das größte Unglück?
Ihre liebsten Romanhelden?
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
Ihr Lieblingsmaler?
Ihr Lieblingsautor?
Ihr Lieblingskomponist?
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Ihre Lieblingstugend?
Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Ihr Hauptcharakterzug?
Was schätzen bei Ihren Freunden am meisten?
Ihr größter Fehler?
Ihr Traum vom Glück?
Was wäre für Sie das größte Unglück?
Was möchten Sie sein?
Ihre Lieblingsfarbe?
Ihre Lieblingsblume?
Ihr Lieblingsvogel?
Ihr Lieblingsschriftsteller?
Ihr Lieblingslyriker?
Ihre Helden der Wirklichkeit?
Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Ihre Lieblingsnamen?
Was verabscheuen sie am meisten?
Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Wie möchten Sie gern sterben?
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Ihr Motto?

Freitag, 24. August 2012

Rainer Maria Rilke - Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

(1906)

Samstag, 21. Juli 2012

quickrig

Ich werfe meinen Blick weit
über das grüne Meer

ich hülle es ein
kann seine kleinen
weichen Wellen
unter mir spüren

sehe bis auf den sandigen Grund
zähle Muscheln und Steine
tauche ein in quickrige Fischschwärme

und hoffe dass mir Schwimmhäute wachsen ...

NHF - 2012

Montag, 18. Juni 2012

Fernando Pessoa

"Seit langem schon - ich weiß nicht, ob seit Tagen, ob seit Monaten - zeichne ich keinen Eindruck mehr auf; ich denke nicht, also existiere ich nicht. Ich habe vergessen, wer ich bin; ich vermag nicht zu schreiben, weil ich nicht zu sein vermag. Infolge einer sonderbaren Betäubung bin ich ein anderer gewesen. Zu wissen, daß ich mich nicht erinnere, heißt erwachen.
   Ich habe ein Stück meines Lebens in Ohnmacht verbracht. Ich kehre zu mir zurück ohne einer Erinnerung an das, was ich gewesen bin, und die Erinnerung and das, was ich war, leidet darunter, daß sie unterbrochen worden ist. In mir spüre ich die verworrene Empfindung eines unbekannten Zwischenraums, die nutzlose Anstrengung eines Teils meines Gedächtnisses, den anderen Teil wiederzufinden. Ich bin außerstande, wieder an mich anzuknüpfen. Falls ich gelebt haben sollte, habe ich vergessen, davon zu wissen."

aus: Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe, S. 164, (28.9.1932) 

Donnerstag, 31. Mai 2012

Buchvorstellung 13 - Gerard Donovan - Winter in Maine


Kurz gesagt: Julius Winsome lebt allein im Wald. Eines Tages wird sein Hund Hobbes erschossen. Allem Anschein nach mit Absicht. Winsome macht sich, zusammen mit seiner Enfield, auf den Weg eine Antwort zu suchen ...
Winsomes Vater und Großvater, der Krieg, Blumen, die Stille, eine Frau und Shakespeare, sowie 3282 Bücher spielen (n.w.) ebenfalls eine Rolle und machen dieses Buch lesenswert.
Es ist nun schon einige Wochen her, seit ich das Buch beendet habe und es bewegt mich noch immer. Besonders als ich vor kurzem in einem ausgedehnten Wald spazieren war und dachte "Hier müsste man 'Winter in Maine' (erneut) lesen"; denn geblieben ist, trotz allem (selbst zu lesen!) letztlich eine sanfte Stimmung ...
"Die Leute besiegen den Winter, indem sie nächtelang lesen und die Seiten hundertmal schneller umblättern, als ein Tag vergeht, kleine Zahnräder, die während all dieser Monate ein größeres in Bewegung halten. Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille wie ein aufgespießtes Insekt. Sätze verwandeln sich in einzelne Worte, und um zwölf Uhr verschmelzen die beiden Zeiger zu einem. Jeder Blick endet im Schnee. Jeder Schritt versinkt im Norden. So ist die Zeit in Maine, das Weiß der Zeit." (S.77) ...

Montag, 30. April 2012

Meer und Kiesel

Gestern noch
war ich selbst mir das Meer
tosend, tief und weit.

Heute schon
finde ich mich wieder
in einem glatten Kiesel am Strand.

NHF - 2012

Samstag, 31. März 2012

Sternenprobe

Einander in die Augen sehn
für eine Nacht und einen Morgen
Auf einmal fließt ein Stern
nicht größer als ein Bienenkopf
an einem Faden Licht
behutsam wie man die Hände
sinken läßt und
die Tischkante nicht berührt
Wenn das geschieht ist es für lange

Christoph Wilhelm Aigner - Die Logik der Wolken

Sonntag, 19. Februar 2012

an einem Montag

V. schrieb - an einem Montag prallte der kleine Vogel gegen die Scheibe seines Arbeitszimmers - V. erinnerte sich - seines Selbst

NHF - 2012